https://www.faz.net/-gzg-a06zh

Schutz der Ernte : Ein Wächter gegen Obst- und Gemüsediebe

Nachts komplett geräubert: Oberrads Gärtner sehen sich mit dem Diebstahl ihrer Ernte konfrontiert. Bild: Lando Hass

Frankfurts Gärtner in Oberrad verzweifeln am zunehmendem Diebstahl ihrer Ernte. Jetzt fordern sie einen Feldschütz. Die Stadt hält dieses Vorgehen jedoch für keine angemessene Lösung.

          3 Min.

          Es sind keine Kavaliersdelikte, die auf den Feldern von Oberrad geschehen: Was Gärtner, die davon leben, dass sie dort Gemüse, Obst und Kräuter anbauen, dort erleben, lässt sie verzweifeln. Professionell organisierte Diebesbanden und Gelegenheitsräuber stehlen den Gärtnern immer wieder Teile ihrer Ernte. „Das ist ein massives Problem“, sagt Irmtraud Schmid von der Solidarischen Landwirtschaft Maingrün. Im vergangenen Jahr habe sie die halbe Zucchini-Ernte an Diebe verloren.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schmid baut seit Jahren Gemüse an, ihre Felder liegen im Gebiet zwischen der Bebauung von Oberrad und der nördlich verlaufenden Bahntrasse. Wenn Schmid ihr Tagewerk beginnt, erlebt sie häufig böse Überraschungen. „Ich sehe meist gleich, dass wieder jemand im Feld war und sich bedient hat.“ Bei manchen Gemüsesorten sei der Verlust nicht immer offensichtlich, da wundere man sich zunächst über die schlechte Ernte. Anders bei der Zucchini. „Da tropft die Schnittstelle nach und zeugt vom Diebstahl“, sagt Schmid. Manchmal muss sie gar nicht genau hinschauen: Dann steht sie vor Pflanzreihen, die nachts komplett geräubert worden sind.

          Alles sei vergebens

          Viele Schutzmaßnahmen hat die Gärtnerin schon ergriffen: Zäune errichtet, Überwachungskameras aufgebaut, Nachtwachen organisiert und auch selbst Diebe vertrieben und häufig die Polizei gerufen. Einen Hochsitz habe sie als Wachturm errichten lassen, um die Felder besser überblicken zu können. Doch alles sei vergebens, der Diebstahl habe sogar zugenommen. Auch Gewächshäuser seien nicht mehr sicher. Kollegen von Schmid bestätigen das. Rund zwanzig Gartenbaubetriebe gibt es noch in Oberrad. Sie erhalten den Ruf vom „Gemüsedorf“. Zugleich werden ihre eigenen Rufe nach Hilfe immer lauter: Ein Feldschütz könnte helfen, also jemand, der die Felder bewacht, meinen die Gärtner.

          Die Oberräder Politiker haben den Wunsch erhört, und der von Ortsvorsteher Christian Becker (CDU) geführte Ortsbeirat forderte, dass die Felder bewacht werden sollten. Doch die Stadt zog nicht mit. Stadtpolizisten fest zur täglichen Überwachung abzustellen sei wegen vieler anderer Einsatzschwerpunkte nicht möglich. Allenfalls sporadische Streifengänge kämen in Frage. Den Ortsvertretern reichte das nicht, sie forderten stattdessen einstimmig, dass die Stadt wenigstens ein Konzept für einen ehrenamtlich tätigen Feldschütz erarbeiten solle.

          Nachts konsequent bewacht werden

          Das Ordnungsamt sieht darin nur bedingt eine Lösung. „Ein ehrenamtlicher Feldschütz hätte keine rechtliche Handhabe und könnte keine Vollzugshandlungen vornehmen“, sagt ein Sprecher. Die Abschreckung wäre gering. Bei Diebstählen müsste weiter die Polizei gerufen werden. Eine ehrenamtliche Kraft könnte der Stadtpolizei allenfalls Hinweise geben. Tatsache bleibe aber, dass die stadtweit rund 200 tätigen Stadtpolizisten nicht regelmäßig auf Feldern patrouillieren könnten.

          Um systematischen Raub zu verhindern, müssten die Äcker vor allem nachts konsequent bewacht werden, meint Gemüsegärtner Christoph Stoll. Er bezweifelt, dass sich dafür eine ehrenamtliche Kraft findet. Der Fünfzigjährige, der in siebter Generation den Oberräder Gartenbaubetrieb führt, hat wegen der Felddiebe Konsequenzen gezogen und vor vier Jahren aufgehört, Erdbeeren anzubauen. Ein Akt der Hilflosigkeit. „Da sind abends Transporter vorgefahren, sechs Leute mit Körben rausgesprungen und haben das Feld abgeerntet“, erzählt Stoll. Er ist überzeugt, dass die Produkte nicht nur zum Eigenbedarf, sondern zum Weiterverkauf gestohlen werden.

          Als er ein Kind war, hat Stoll Feldschütze im Einsatz erlebt. „Das waren Autoritätspersonen, die auf den Feldern für Ordnung sorgten.“ Stoll würde es begrüßen, wenn heute zumindest jemand im Anbaugebiet den Menschen freundlich, aber bestimmt erklären würde, was unterlassen werden sollte. Viele Bürger betrachteten die privaten Felder als ihr Freizeitgebiet, klagt Stoll und vermisst bei den Bürgern das Bewusstsein dafür, dass dort Lebensmittel angebaut werden.

          Stoll spricht von einer „miesen Stimmung“. Manche der Spaziergänger, die sich nebenbei die Taschen mit Gemüse vollstopften, Jogger und Radfahrer, die Pflanzen niedertrampelten, oder Hundebesitzer, die ihre Tiere auf die Felder machen ließen, reagierten mit Unverständnis und Pöbeleien, wenn Stoll sie anspreche. Allerorten werde die Wichtigkeit des regionalen Anbaus von Gemüsen und Obst betont. Doch auf den Feldern, seinem Arbeitsplatz, erfahre er keinen Respekt, sondern Pöbeleien und Vandalismus, klagt Stoll. Die Oberräder Gärtner fühlten sich hilflos.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ärger in der Formel 1 : Hat Ferrari etwa geschummelt?

          Charles Leclerc verblüfft sich selbst mit Platz zwei in Österreich. Denn der Leistungsabfall des Ferrari im Vergleich zu 2019 ist beträchtlich. Die verärgerten Gegner sind sich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zuging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.