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Kollision mit Familienauto : Raser wegen Mordes angeklagt

Wagen mit Familie gerammt: Ein junger Raser ist wegen Mordes angeklagt. Bild: dpa

Wieder steht ein Raser wegen Mordes vor Gericht. Der junger Mann soll dabei für den Tod einer Mutter verantwortlich sein. Dem mutmaßlichen Täter droht eine lebenslange Haft.

          Es war purer Zufall, dass es Ivan M. an diesem Winterabend nicht auch noch erwischte. Gerade war er ein paar Meter vom Auto weggegangen, er wollte nochmal auf die Toilette. Da hörte er hinter sich Reifen quietschen. Dann einen lauten Knall. Es war fast halb sechs abends, ein Tag vor Silvester. M. war mit seiner Frau und dem Sohn auf dem Weg zu Bekannten, mit denen die Familie ins Jahr 2019 hineinfeiern wollte. Auf einem Autobahnparkplatz an der A5 nahe Heppenheim hatten sie angehalten. „Wir wollten uns kurz ausruhen“, sagt M. Doch dann kam da dieses Auto angerast, das aus dem Nichts mit weit über 100 Kilometern pro Stunde in den Parkplatz fuhr. Es krachte mit voller Wucht in den Mazda der Familie. Ivan M. rannte zum Auto, suchte seinen Sohn auf der Rückbank, schrie nach seiner Frau. Der Zehnjährige kam irgendwann zu sich. Seine Mutter nicht. Kurze Zeit später starb sie im Krankenhaus.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          M. muss immer wieder tief Luft holen, als er am Donnerstag vor einer Jugendkammer des Darmstädter Landgerichts von diesem Abend erzählt. Er spricht so sachlich, wie das eben geht, antwortet kurz, ohne Dramatik. Nur ein einziges Mal zeigt er einen Ansatz von Wut. „Die Zeit kann man nicht zurückdrehen“, sagt er, „und meine Frau nicht zurückbringen.“ Es ist die Antwort auf das, was der Angeklagte ihm zugewandt gesagt hat: „Es tut mir so unfassbar leid. Ich wollte nicht, dass Ihre Frau stirbt.“

          Suche nach Anerkennung

          So steht es auch in der Erklärung, die seine Verteidiger in seinem Auftrag vortragen. Er selbst, heißt es da, fühle sich mit dem Prozess überfordert. Vor so vielen Menschen zu sprechen, das traue er sich nicht zu. In den nächsten Minuten entsteht das Bild eines jungen Mannes, der gerade einmal 18 Jahre alt ist und dessen Handeln ständig von der Suche nach der Anerkennung seiner Eltern geprägt war. Die waren, wenn man seinen Ausführungen folgt, mehr mit ihrer Firma beschäftigt als mit dem Sohn, so dass er häufig alleine war. Obwohl er in der Erklärung das Verhältnis als grundsätzlich gut beschreibt, kam es offenbar immer wieder zu schweren Zerwürfnissen. Die Rede ist von einer abgebrochenen Ausbildung und einer Kündigung nach der Probezeit, weil er zu oft gefehlt hatte. Vom Schmuck, den er der Mutter klaute und verkaufte, weil er finanziell kaum unterstützt worden sei. Von Audionachrichten der Eltern auf dem Handy, in denen es hieß, er solle „zurück in sein Rattenloch“ gehen oder sich umbringen. Von der schweren Enttäuschung des Sohnes, der sich weder geliebt noch unterstützt fühlte. Von Suizidgedanken, die er aufgrund der Situation gegenüber Freunden äußerte.

          Und dann gab es da noch dieses Faible für Autos: Immer wieder saß er am Steuer, obwohl er keinen Führerschein hatte. Oft nahm er heimlich den Audi des Stiefvaters. 2016 sei er sogar nach Hamburg und zurück gefahren. „Meine Auffassung war, dass ich dank meiner Fahrpraxis auch ohne Führerschein ein guter Fahrer bin.“ Kurz vor Weihnachten 2018 hielt ihn die Polizei an. Er habe gewusst, jetzt könne er nicht mehr nach Hause gehen, heißt es in seiner Erklärung. Zu viel war passiert – so oder so würde er rausfliegen.

          „Eine Kurzschlussreaktion“

          Die Feiertage verbrachte er bei seiner Freundin und einem Kumpel. Von dort fuhr er am Tattag los. Ohne Führerschein und gültiges Kennzeichen. Er wollte zu seiner Freundin, Silvester feiern. Doch die Polizei nahm ihn wieder ins Visier. Als sie ihn aufforderte, anzuhalten, gab er Gas. „Eine Kurzschlussreaktion“, liest der Verteidiger vor. „Ich habe gedacht, wenn jetzt nochmal etwas passiert, gibt es wieder Ärger und meine Eltern nehmen mich nie wieder auf.“ Also versuchte er, die Polizei, die mit Blaulicht und Martinshorn hinter ihm her war, „auszutricksen und zu entkommen“. 180 Stundenkilometer soll er dabei gefahren sein. So steht es in der Anklage. Als er schließlich auf den Parkplatz abfuhr – er wollte überraschend abfahren und sich im Wald verstecken – soll er noch mit Tempo 150 unterwegs gewesen sein. „Ich habe die Situation falsch eingeschätzt“, steht in seiner Erklärung, „ich wollte niemanden umbringen und auch ich wollte nicht sterben.“

          Die Staatsanwaltschaft ist anderer Meinung. Sie klagt den jungen Mann wegen Mordes an. Das Auto wertet sie als gemeingefährliches Mittel, das zur Verdeckung einer anderen Straftat eingesetzt worden sei. „Dass er selbst oder andere Personen hätten sterben können, war ihm egal“, sagt der Oberstaatsanwalt. „Ihm kam es allein darauf an, der Polizei zu entkommen. Dieses Ziel wollte er durchsetzen, komme, was wolle.“ Eine wichtige Rolle wird für das Urteil daher spielen, wie das Gericht die Selbstmord-Ankündigungen wertet. Der Angeklagte gibt an, er habe sich damit nur „wichtig machen wollen“ – um Aufmerksamkeit zu bekommen.

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