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Kunst : Der Bunkerkönig

Die Leidenschaft des 3-D-Sammlers: Gerhard Otto Stief im „Explora” Bild: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

Gerhard Otto Stief liebt und hortet Dreidimensionales. Der spleenige Sammler präsentiert seine Schätze im sanierten und umgebauten Glauburgbunker, in dem er nicht nur wohnt, sondern auch sein Museum hat.

          3 Min.

          Gerhard Otto Stief bestreitet nicht, daß er den einen oder anderen Spleen hat. Er weiß auch, daß ihn viele für verrückt halten. Ihn, den „Kongo-Otto“, wie er von seinen Kindern genannt wird. Sein Reich ist der Glauburgbunker am Glauburgplatz im Nordend. Am 15. 5. 1995 um 15.05 Uhr hat er die Anlage gekauft; keine Minute früher und keine später. Schuld daran sei sein Zahlen-Tick. „Ich kann mir solche Zahlenspiele einfach besser merken. Schließlich vergesse ich sogar den Geburtstag meiner Frau.“ Der Glauburgbunker war damals ein „Drecksloch“, heruntergekommen und angefüllt mit Sperrmüll. „Da wurde gedealt und gesoffen.“ Dennoch mußte Stief diesen Bunker unbedingt haben.

          Philip Eppelsheim

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche.

          Der Grund, wie sollte es anders sein, war eine weitere Marotte, nämlich sein Faible für Burgen. „Mit einer Burg fühle ich mich wie ein König“, sagt er. Schon 1961 habe er eine mittelalterliche Templerfestung in Frankreich erworben und die Ruine anschließend wiederaufgebaut. Vor elf Jahren war ihm dann der 1938 errichtete Glauburgbunker aufgefallen, der mit Turm, Balustrade, fränkischem Schieferdach und Dachgauben einer alten hessischen Burg gleicht - Tarnung gegen feindliche Luftaufklärung im Zweiten Weltkrieg.

          Dreidimensionale Kunst

          Stief verkaufte seine Immobilien, machte alles zu Geld, um den Bunker erwerben zu können. Seitdem beherbergen die 2,15 Meter dicken Stahlbetonwände das Wissenschafts- und Technik-Museum „Explora“. Dort präsentiert Stief nun einen Teil seiner angehäuften Werke. Denn sein größter Spleen ist die Sammelleidenschaft: Ihn interessiert alles, was mit dreidimensionaler Kunst und Wahrnehmungsillusionen zu tun hat.

          Seit fünf Jahren lebt der 68 Jahre alte Sammler mit seiner Frau in dem 2000 Quadratmeter großen Glauburgbunker. In diesem Jahr hat er einen modernen Kubus in das Bauwerk integriert, der ihm als Wohnraum dient. Bauhausmöbel, ein Fenster von Johannes Schreiter, ein Starfighter-Sitz, ein barocker Frankfurter Schrank und ein Tisch, dessen Platte aus einem afrikanischen Schiff stammt: Stief liebt eben das Extravagante. Die Einrichtungsgegenstände seien Teil seines Lebens. So erinnert ihn der Starfighter-Sitz an den lange gehegten Traum, mit einem solchen Kampfflugzeug einmal eine MiG-29 abzuschießen. Und die Lenin-Büste vor der Eingangstür des Bunkers ist Stiefs späte Rache an den kommunistischen Regimes. Jede Nacht muß Wladimir Iljitsch Uljanow vor der „Explora“ Wache stehen und mit seiner blinkenden grün-roten Anaglyphen-Brille die Nacht erhellen. Lenin als Diener - das war dem Sammler 5000 Mark wert. Als Rache dafür, daß Stief mit 20 Jahren aus seiner Geburtsstadt Suhl in Thüringen fliehen mußte, weil er nicht systemkonform war.

          Nachdem er auf Schleichwegen aus der Deutschen Demokratischen Republik geflohen war, mußte Stief bei Null anfangen. Er hatte nichts mitgebracht, nur seine Liebe zu 3-D. Diese war in der Bibliothek seiner Eltern erwacht, als er dort das 3-D-Fotobuch „Der Kampf im Westen“ entdeckte. Ein Propagandawerk, das zeigte, wie die Wehrmacht von Sieg zu Sieg eilte. Bevor die Sowjettruppen in Suhl eingezogen waren, hatte Stief das Buch auf dem Dachboden versteckt; das erste Stück seiner Sammlung. Stief studierte schließlich in Nürnberg Maschinenbau, später folgten Aufenthalte in Zürich, London und Frankfurt. Mit 29 Jahren entschied er sich für ein Fotodesign-Studium in Berlin, und er wurde einer der führenden Werbefotografen in Deutschland. Stief sammelte Anaglyphen, Anamorphosen, Hologramme, Vexierbilder - kurzum: er sammelte 3-D.

          „Ich will einzigartig sein“

          Nach 20 Jahren als Fotodesigner entschied er sich dafür, seinen Beruf aufzugeben und die Sammlung - die sich inzwischen zu einer der bedeutendsten der Welt entwickelt habe - im Museum auszustellen. 1987 gründete er in Dinkelsbühl sein erstes Privatmuseum: das „Museum 3. Dimension“. 1994 kam die „Explora“ hinzu, die seit 1995 im Glauburgbunker beheimatet ist. Dabei will er verschiedene wissenschaftliche Gesetze und technische Verfahren in einfacher Weise erklären.

          Wenn Stief nicht im Bunker zu tun hat, verbringt er seine Zeit damit, neue Exponate zu erwerben. Durchforstet dafür Internetauktionen, Galerien, und mindestens einmal im Jahr unternimmt er mit seiner Frau zusammen eine Museums-Weltreise, die Spionage-Kamera immer dabei. Seine Frau paßt auf, daß er nicht zu viel Geld ausgibt. Seine Sammelleidenschaft kann sie nachvollziehen, schließlich besitzt sie selbst eine afrikanische Maskensammlung. Bisweilen fragt ihn seine Frau aber doch, ob er das alles wirklich brauche. „Nein“, sagt Stief dann. „Aber es ist schön, Sachen zu haben, die kein anderer hat.“

          Seine Museen helfen ihm, die Sammelwut zu befriedigen. Er will damit nicht reich werden, sondern nur so viel erwirtschaften, daß er weiterhin Kunst erwerben kann. Sein Ziel ist, auf seinem Sammelgebiet das Monopol zu haben. „Ich dulde keine Konkurrenz. Ich will einzigartig sein.“ In Deutschland gebe es noch fünf bis sechs vergleichbare Sammler, einen habe er schon „geschluckt“, und derzeit liefen Gespräche mit einem Holographie-Sammler, der verkaufen möchte. Wahrscheinlich gelangen auch dessen Exponate in Stiefs Keller, wo sich nach seinen Angaben ohnehin schon das deutsche Holographiemuseum befindet: „Dann sind diese Stücke weg vom Markt.“ Verkaufen kommt für Stief dagegen nicht in Frage. Jedes Kunstwerk sei für ihn wie ein Kind, manche Objekte habe er zwei- oder dreimal. Seine Erwerbungen sind keine Wertanlagen, auch wenn die Sammlung Millionen wert sei. Ein Lieblingswerk hat Stief nicht. „Die letzte Frau, die du geküßt hast, ist stets die schönste“, sagt er.

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