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Event-Finanzierung : Compliance-Sorgen erschweren Kultursponsoring

Volles Haus: 120.000 Zuschauer zieht das Rheingau Musik Festival jedes Jahr insgesamt an - Teile davon zum Beispiel in die Basilika von Kloster Eberbach. Bild: Michael Kretzer

Kulturevents wie das Rheingau Musik Festival leben von privaten Geldgebern. Doch die werden zunehmend von Fragen zur Compliance abgeschreckt. Für Festivals steht viel auf dem Spiel.

          3 Min.

          Das Rheingau Musik Festival gilt unter den Festivalbetreibern in Deutschland als Vorbild. Kaum ein anderer Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents schafft es, sich so unabhängig von öffentlichen Geldern zu machen. Doch diese Unabhängigkeit bedeutet umgekehrt, dass Intendant und Geschäftsführer Michael Herrmann seinen Etat vor allem mit Hilfe privater Förderer decken muss. Und das wird derzeit nicht einfacher. Denn als Gegenleistung erhalten Unternehmen in Sponsorenpaketen neben klassischen Marketingleistungen - etwa dem Abdruck eines Logos auf dem offiziellen Festivalprogramm - in der Regel ein Kontingent an Eintrittskarten. Die begehrten Plätze geben die Betriebe dann wiederum an Mitarbeiter und Geschäftspartner weiter. Genau das ist in Zeiten verschärfter Compliance-Regelungen aber schwieriger geworden.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn die goldenen Jahre von Firmeneinladungen sind vorbei. „Das Compliance-Thema mit den erschwerten und komplizierten Hospitality-Regelungen beschäftigt uns und unsere Sponsoren zunehmend“, sagt Herrmann, „es führt zu großen Herausforderungen in der Finanzierung von kulturellen Veranstaltungen.“ Herrmann berichtet davon, dass es nach wie vor Unsicherheiten gebe, ob man Einladungen aussprechen oder auch annehmen dürfe - ohne sich damit strafbar zu machen. „Obwohl der Gesetzgeber für einen rechtssicheren Umgang mit Einladungen gesorgt hat, der es Unternehmen ermöglicht, Kultursponsoring weiterhin offensiv zu betreiben, wird dieses immer häufiger in Frage gestellt“, sagt er. Und das ist ganz zum Leidwesen der Veranstalter, die auf die Gelder privater Förderer angewiesen sind.

          Das „Berliner Compliance-Modell“ soll Licht ins Dunkel bringen

          Die Unsicherheit herrscht auf beiden Seiten: Die Sponsoren wissen einerseits nicht genau, welche Leistungen sie im Rahmen einer Einladung anbieten dürfen, zum Beispiel, was das Catering im Rahmen einer Veranstaltung angeht. Auf der anderen Seite, berichtet Herrmann, bekämen viele Sponsoren von Eingeladenen eine Absage. „Immer mehr Unternehmen sagen uns, dass es schwieriger wird Gäste einzuladen, weil viele die Einladung nicht annehmen dürfen.“ Herrmann versteht die Sorgen der Sponsoren, die auch das Rheingau Musik Festival belasten können. Schließlich könnten die Geldgeber Kommunikations- und Imagepotentiale, die mit Kultursponsoring bezweckt würden, nicht wie erhofft umsetzen.

          Als fast ausschließlich privat finanziertes Festival, das auf die Einnahmen aus Werbe- und Hospitality-Paketen als Teil der Gesamtfinanzierung der Konzerte angewiesen ist, hat sich Herrmann der Sache selbst angenommen. Über einen Zeitraum von rund zwei Jahren entwickelten Vertreter des Rheingau Musik Festivals gemeinsam mit dem Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft, Compliance-Experten und Unternehmensvertretern ein Modell, das Licht in die für Nichtjuristen schwer zu durchschauenden Compliance-Regelungen bringen soll. Das sogenannte „Berliner Compliance-Modell“ (siehe Kasten) soll sicherstellen, so Herrmann, „dass Kultursponsoring ein wirksamer Bestandteil des bürgerschaftlichen Engagements und der unternehmerischen Verantwortung für das kulturelle Leben in Deutschland bleiben kann“.

          Absagen wegen Compliance-Bedenken bleiben nicht aus

          Matthias Feltz kennt die Diskussion. Der Rechtsanwalt ist Vorsitzender des ADAC Hessen-Thüringen, der als Förderer des Rheingau-Musik-Festivals auftritt. Feltz sagt, man achte penibel darauf, dass auf den Einladungslisten etwa für die Konzerte, für die der Automobilclub Kontingente erhält, keine Geschäftspartner erscheinen, mit denen der ADAC derzeit in laufenden Verhandlungen steht. Das Gleiche gelte natürlich für Amtsträger. Doch das geht nur, wenn die Einladungslisten transparent geführt werden und es klare Regelungen gibt, ergänzt Monika Hornik, die beim ADAC für Compliance-Fragen verantwortlich ist. Es müsse jeder Einzelfall geprüft werden und diese Prüfung über eine zentrale Stelle laufen, um kein Risiko einzugehen - schließlich könne nicht jeder Mitarbeiter, der eine Einladung ausspricht, auf den ersten Blick sehen, ob eine Organisation wie der ADAC an anderer Stelle mit dem Geschäftspartner in Verhandlungen stehe.

          Hornik begrüßt deshalb auch die Initiative zum Berliner Compliance-Modell. „Die Idee ist gut und richtig“, sagt sie, schließlich gelte es derzeit auch, bei Compliance Überzeugungsarbeit zu leisten, „dass das Thema gar nicht so schwierig ist, wie es zum Teil gemacht wird“. Dem entspricht im Berliner Modell die Formulierung, dass die meisten Einladungen aus Compliance-Sicht unbedenklich seien und daher unternehmensintern auch ohne aufwendige Prüfungsprozesse angenommen werden könnten. Obwohl der ADAC bemüht ist, mit seinen Einladungen Rechtssicherheit für alle Beteiligten herzustellen, erhält er ab und an Absagen von potentiellen Gästen, die mit Compliance-Bedenken begründet werden. Dennoch sagt Matthias Feltz, man wolle am Kultursponsoring festhalten. „Das ist Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung in der Region.“ Michael Herrmann wird das gerne hören.

          Das Berliner Compliance-Modell

          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat den Intendanten und Geschäftsführer des Rheingau Musik Festivals, Michael Herrmann, in einem persönlichen Gespräch darin bestärkt, einen Leitfaden zu entwickeln, um Sponsoren Rechtssicherheit beim Umgang mit der Einladung zu Veranstaltungen, zum Beispiel kultureller Natur, zu verschaffen. Im nun vorliegenden sogenannten Berliner Compliance-Modell wird eine Einladung als unbedenklich eingestuft, wenn sie einige Voraussetzungen erfüllt.

          Dazu gehört, dass zwischen beiden Seiten kein enger Zusammenhang mit einem Geschäftsabschluss oder einer konkreten Geschäftsentscheidung bestehen darf. Der Gesamtwert einer Einladung darf pro Person nur bei etwa 100 Euro liegen, wobei die Einladung in der Regel die Eintrittskarte sowie meist auch einen Empfang oder ein Abendessen umfasst. Die Einladung sollte transparent erfolgen, also Geschäftsführung und Compliance-Verantwortlichen einbeziehen. Darüber hinaus sollte der Eingeladene kein Amtsträger, sondern ein Unternehmensvertreter sein, der zudem auf Augenhöhe agieren, also in gehobener Stellung angestellt sein sollte. (ddt.)

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