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Kulturförderung : Erkenne die Lage

Werkstattgespräch: Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) unterhält sich im Redaktionsgebäude der F.A.Z. mit Michael Hierholzer (vorne rechts). Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Kunst hat keine soziale Aufgabe, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig. Aber sie stärkt den gesellschaftlichen Durchblick. Und den Zusammenhalt.

          Wenn Kultur für alle da sein soll, muss man wissen, für wen man sie macht. Als es für sozialdemokratische Politiker in den siebziger Jahren darum ging, mehr Angehörige der deutschen Nachkriegsgesellschaft an die Hochkultur heranzuführen als das ohnehin auf sie eingeschworene Bürgertum, war die Sache leichter. „Diese Mission ist, soweit sie überhaupt zu erfüllen war, erfüllt“, sagt Ina Hartwig. Frankfurts neue Kulturdezernentin ist in das Redaktionsgebäude dieser Zeitung gekommen, um von den Vorstellungen und Ideen zu berichten, mit denen sie im Juli ihr Amt angetreten hat. Noch ist die Literaturwissenschaftlerin, die erst vor vier Jahren Mitglied der SPD geworden ist, keine hundert Tage im Amt. Aber ihr ist klar, dass sie es unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen auszufüllen hat als ihr Vorgänger und Parteifreund Hilmar Hoffmann, dessen kulturpolitische Entscheidungen das Bild Frankfurts bis heute prägen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Einwohnerschaft der Stadt setzt sich für Hartwig aus immer mehr Gruppen zusammen, deren Mitwirkung am großen gesellschaftlichen Ganzen nicht gesichert ist. Muslimische Migranten schotten sich aus religiösen Gründen ab, Arme bleiben aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen, Rechtspopulisten klinken sich aus politischen Gründen aus. „Wir wissen nicht wirklich, was passiert“, sagt Hartwig. Das für Politiker nicht eben häufige Eingeständnis mag ihrer beruflichen Herkunft als Literaturkritikerin geschuldet sein, der es darauf ankam, vor dem Fällen eines ästhetischen Urteils genau verstanden zu haben, wie das zu bewertende Werk funktioniert. Bei Gottfried Benn heißt es: „Erkenne die Lage.“ Bei Hartwig wird aus dem Wort des Dichters eine fast identische Formulierung mit angehängter politischer Handlungsanweisung: „Es geht darum, die Situation zu begreifen und zu moderieren.“

          Ästhetische Qualität bleibt das höchste Kriterium

          Um das in den nächsten Jahren zusammen mit Museen und Theatern zu tun, hat sich die 1963 in Hamburg geborene Literaturwissenschaftlerin in den vergangenen Monaten in vielen städtischen und von der Stadt geförderten Kultureinrichtungen umgeschaut, von der Oper bis zum Atelierhaus: „Ich weiß, wo es brennt und wem es gutgeht.“ Viele ihrer Gesprächspartner sitzen an diesem Vormittag vor ihr, eingeladen zum ersten von vier Foren, auf denen diese Zeitung in den nächsten Wochen Frankfurts neue Dezernenten befragt. Um Verkehr, Schulen und Stadtplanung wird es bis Anfang November gehen, nun ist die Kulturpolitik an der Reihe.

          Dass Hartwig ihrem neuen Arbeitsgebiet grundsätzlich noch immer eine enorme Wirkung zutraut, merkt man, wenn sie sagt, Kulturpolitik könne gesellschaftliche Entwicklungen zusammen mit den Künsten nicht nur begleiten, sondern manchmal sogar vorwegnehmen. Das liegt für sie auch daran, dass die deutsche Kulturförderung auf die Freiheit der Kunst ausgerichtet ist: „Man schafft einen Rahmen und gibt die Kontrolle ab.“ Weiterführende Überraschungen sind somit garantiert. Als Dezernentin werde sie sich in die inhaltliche Arbeit der von der Stadt getragenen und unterstützten Institutionen nur einmischen, um gemeinsam mit ihnen neue Gelegenheiten des Gesprächs, der Vermittlung und der Diskussion zu schaffen, die Frankfurt nötig brauche. Davon abgesehen, bleibe die ästhetische Qualität das oberste Kriterium jeder Bewertung künstlerischer Tätigkeit. Mit der Indienstnahme der Kulturpolitik als „Schmiermittel“ sozialer Steuerung kann sie daher nichts anfangen: „So denke ich nicht.“ Das heiße aber nicht, dass die Kulturpolitik sich von sozialen Fragen löse.

          Durchs Museum zu mehr Gelassenheit

          Gerade Museen und Theater hätten in den vergangenen Jahren viel geleistet: „Teilhabe ist in den Institutionen schon da.“ Nun ermögliche die Koalition Kindern und Jugendlichen freien Eintritt in städtische Kulturinstitutionen: „Aber das reicht nicht.“ Es bleibe eine Aufgabe für alle Beteiligten, Kindern aus Zuwandererfamilien und armen Haushalten Kunsterlebnisse mit Nachwirkung zu verschaffen. Zum Beispiel im von der Koalition gewünschten Theater für Kinder und Jugendliche. Ob es im Zoo-Gesellschaftshaus unterkomme, werde derzeit geprüft: „Ich kann mir das gut vorstellen.“ Der ihrem Dezernat zugeordnete Zoo zeige als größte Bildungsstätte der Stadt die Natur, im Theater gleich nebenan könnten die Kinder bald der Kunst begegnen. Allerdings nicht nur in geschlossenen Schulklassen, sondern in der Begegnung mit Kindern ganz anderer Herkunft. Und nicht nur als Konsumenten, sondern in Workshops zum Mitmachen. Der Werkstattcharakter der Formate, die sie fördern will, ist ihr generell wichtig. Ob das Theater den Städtischen Bühnen zugeordnet werde, sei noch nicht entschieden. Für die Selbständigkeit spreche, dass das Spielen für Kinder und Jugendliche ganz andere Erfahrungen verlange als das Theater für Erwachsene. Auch ein eigenes Ensemble könne wünschenswert sein.

          Die finanzielle Situation der Kulturförderung bezeichnet Hartwig als „eigentlich ganz komfortabel“. Aber man müsse realistisch bleiben: „Wenn es uns in dieser Legislaturperiode gelingt, das Niveau zu halten und einige neue Akzente zu setzen, können wir schon glücklich sein.“ Die Sanierung der Städtischen Bühnen - von Abriss, Neubau oder Verlegung spricht Hartwig in diesem Augenblick nicht mehr - werde in einigen Jahren viel Geld kosten. Auch der Zoo habe erheblichen Geldbedarf. An eine Erweiterung oder einen Neubau des Weltkulturen-Museums denkt sie daher nicht. Die Direktorenstelle werde allerdings demnächst ausgeschrieben, zudem müsse das Haus durch eine bessere Ausstattung aufgewertet werden. Dann könne man anhand seiner Sammlung, die von grundsätzlichen Zügen des menschlichen Lebens in aller Welt künde, über die heutige Gesellschaft nachdenken und bei der Beschäftigung mit der wieder wichtiger werdenden Religion erkennen: „Unsere Aufwallungen sind alt.“ Der bürgerliche Museumsbesuch erhält neue Bedeutung als Instrument gesellschaftlicher Gelassenheit. Für alle.

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