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„Kultur für alle“ : Vom Musikproduzenten zum Sozialunternehmer

Den „Liegenden Hund” von Franz Marc können „Kulturpass”-Inhaber schon für einen Euro im Städel besichtigen Bild: Städel-Museum Frankfurt

Für einen Euro ins Konzert, Museum, Theater: Götz Wörner hat den „Kulturpass“ ins Leben gerufen. Damit soll in den Genuss von Kunstereignissen kommen, wer sich diese eigentlich gar nicht leisten kann.

          3 Min.

          Einmal Unternehmer, immer Unternehmer. Er ist von seinem Produkt überzeugt. Er zieht alle Fäden, um es auf dem Markt zu etablieren. Er ist unermüdlich im Einsatz, um Ressourcen aufzutun und Menschen für sein Vorhaben zu begeistern. Viele Firmen fördern schon sein Projekt. Jetzt strebt er eine enge Kooperation mit den Frankfurter Wohlfahrtsverbänden an.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Götz Wörner ist in seinem Element. Auch wenn die Inhalte sich etwas verschoben haben. Nicht so grundlegend, wie man auf den ersten Blick vielleicht denkt. Denn auch früher schon hatte seine Arbeit viel mit sozialem Austausch, Vermittlung zwischen den Kulturen, sozialem Einfühlungsvermögen zu tun. Er brachte Leute zusammen. Und manchen Musiker groß heraus.

          Dem Leben eine neue Wendung geben

          „Messidor“ hieß das Label, mit dem der umtriebige, allzeit Verbindungen herstellende Netzwerker musikalische Stilrichtungen nach Deutschland brachte und bekannt machte, die nach der Jahrtausendwende einen Aufschwung ohnegleichen erlebten. Wim Wenders trug mit seinem Film über den „Buena Vista Social Club“, der 1999 in die Kinos kam, maßgeblich dazu bei. Für Wörner kam die Welle zu spät. 23 Jahre lang war er im Musikgeschäft tätig. Nun aber war die Firma des Musikveranstalters und Tonträger-Produzenten nicht mehr zu retten. Wörner meldete Konkurs an. Und war gezwungen, obwohl sein Unternehmen eine GmbH war, auch in die Privatinsolvenz zu gehen. Er habe Fehler begangen, räumt er ein. Zu spät gemerkt, dass seine Firma in die Zahlungsunfähigkeit trudelte. Aus dem weitgereisten Kenner und Förderer lateinamerikanischer Klänge, aus dem Geschäftsmann und Chef einer Plattenfirma wurde ein Sozialhilfeempfänger.

          Ebnet den Weg zur Kultur für alle, die mit einem Existenzminimum auskommen müssen: Götz Wörner

          Noch immer lebt Wörner von Hartz IV. Seit längerem aber auch von einer Idee, die er mit ebenjenem unternehmerischen Nachdruck verfolgt wie einst seine Musikprojekte: Mit dem von ihm initiierten „Kulturpass“ soll in den Genuss von Kunstereignissen kommen, wer sich diese eigentlich gar nicht leisten kann. Für einen Euro zu Udo Lindenberg, in die Schirn Kunsthalle, ins Theaterhaus Schützenstraße, in die Katakombe, in den Portikus, ins Städel, in die Romanfabrik, in den Club „Das Bett“, aber auch in die Stadtimkerei zur „gemischten Bienengruppe“.

          Das etwa ging und geht alles schon. Bald sollen noch viel mehr Veranstalter für das Konzept gewonnen werden, Bedürftigen den Zugang zur Kultur zu ermöglichen. Die Zahl von 200 Anbietern, die den „Kulturpass“ anerkennen, hat Wörner als Ziel ins Auge gefasst. Er selbst hat die Erfahrung gemacht, wie Kulturereignisse, seien es Filme, Lesungen, Theateraufführungen, Sinfonie- oder Pop-Konzerte, dem Leben eine neue Wendung geben können. Den für Kultur Empfänglichen unter den Mittellosen möchte Wörner diese Möglichkeit eröffnen.

          Wer einen „Frankfurt-Pass“ hat, bekommt auch einen „Kulturpass“

          Ende des vorigen Jahres hatten sich schon 800 Interessierte mit dem „Kulturpass“ versorgt. Ihn ziert en miniature das Gemälde „Commedia dell’arte“ von Marc Chagall, das nach längerer Abwesenheit jetzt wieder im Gebäude der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz hängt. „Der Kulturpass“, sagt Wörner, „soll kein Pappendeckel sein, kein Armutsausweis, sondern selbst ein Stück Kultur, etwas Ästhetisches. Er soll zeigen, dass die Menschen, die ihn benutzen, an Kultur interessiert sind, und sie sollen ihn auch mit Stolz vorweisen können.“

          Den Pass erhalten Menschen, die Leistungen nach Hartz IV, Hilfe zum Lebensunterhalt oder eine Grundsicherungsrente beziehen. Asylbewerber und Obdachlose gehören zum Kreis der Berechtigten. Wer einen „Frankfurt-Pass“ hat, bekommt umstandslos auch einen „Kulturpass“: In diesem Fall ist die Bedürftigkeit von Amts wegen bestätigt.

          Bei allen anderen wird penibel geprüft. Die Kriterien sind streng. Ist die Berechtigung nachgewiesen, ist ein Euro fällig. Jeden Freitag werden zwischen 10 und 16 Uhr „Kulturpässe“ im Frankfurter Arbeitslosenzentrum (Friedberger Anlage 24) ausgegeben. Wer die Vergünstigungen in Anspruch nehmen will, muss sich bei den Veranstaltungen zudem mittels eines Personalausweises legitimieren.

          Städtische Bühnen noch unentschlossen

          Man müsse mit jedem Veranstalter einzeln verhandeln, sagt Wörner. Dabei hatte er zum Beispiel gehofft, dass sich die Frankfurter Theaterallianz geschlossen an dem Projekt beteiligt. Aber noch betrachten die Städtischen Bühnen das Ganze laut Wörner „wohlwollend“ aus der Ferne, und ein Großteil der anderen Frankfurter Bühnen tut es ihnen gleich. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, eine technische Lösung dafür zu finden, Restkarten an die „Kulturpass“-Inhaber zu verteilen. Im Fall von Pop-Konzerten wird es wohl kaum eine andere Möglichkeit geben, als ein Ticket-Kontingent an den von Wörner gegründeten Verein „Kultur für alle“ zu schicken, die dieser dann in seinen Geschäftsräumen verteilt. Ein festes Domizil wird derzeit noch gesucht.

          „Das Argument, es gebe ja schon genügend Ermäßigungen, kommt von Leuten, die noch nie in einer Notsituation waren“, sagt Wörner. Wenn jemand 351 Euro, den Hartz-IV-Regelsatz, im Monat habe, werde er nicht für 30, aber auch nicht für zehn Euro ins Theater gehen, selbst wenn er es wollte. „Die meisten sind am 10. oder 15. eines Monats blank.“

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