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Schule : Kritik am Bildungs-Ranking

„Wir sind eine der dynamischsten Bildungsregionen in Deutschland”: Karin Wolff Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Hessen belegt im Bildungsmonitor 2007 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft den zehnten Rang unter den Bundesländern. Unter Bildungsforschern gilt das Ranking jedoch als umstritten, seit es erstmals veröffentlicht wurde.

          Zwiespältige Reaktionen hat im hessischen Kultusministerium, aber nicht nur dort, die Veröffentlichung des Bildungsmonitors 2007 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hervorgerufen. Laut diesem steht Hessen in einer Rangliste der 16 Bundesländer auf Platz zehn (Vorjahr zwölf). In einer Tabelle, die positive Veränderungen im Vergleich zur vorhergehenden Erhebung misst, liegt Hessen auf Platz zehn. Rang eins insgesamt nimmt Sachsen ein, Schlusslicht ist Mecklenburg-Vorpommern.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir sind eine der dynamischsten Bildungsregionen in Deutschland“, kommentierte Kultusministerin Karin Wolff (CDU) in einer Stellungnahme den Monitor, der zum vierten Mal in Folge erstellt worden war. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft beschreibt sich selbst als „branchen- und parteiübergreifende Plattform und ausdrücklich offen für alle, die sich dem Gedanken der Sozialen Marktwirtschaft verbunden fühlen“. Getragen und finanziert wird sie durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie; sie verfügt über einen Jahresetat von knapp neun Millionen Euro und arbeitet mit dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zusammen.

          „Mit Zahlenfetischismus ist leicht Statistik zu führen“

          Für den Monitor werden keine eigenen Studien gemacht, sondern vorhandene Statistiken ausgewertet, zum Beispiel die Ergebnisse der Länder bei den Pisa- und Iglu-Studien, die Leistungen von Mittelstufen- und Grundschülern in Deutschland vergleichen. Darüber hinaus fließt unterschiedliches Zahlenmaterial in die Aufstellung ein, von den Investitionen bis hin zur Altersstruktur der Lehrerschaft, von der Zahl der Schulabbrecher bis hin zur Fortbildungsquote Berufstätiger. Alle Werte des publizierten Vergleichs stammen aus den Jahren 2004 und 2005. Während die Verfasser des Monitors ihre Vorgehensweise objektiv nennen, kritisieren andere die Beschränkung auf den Vergleich als inhaltliche Armut.

          „Mit Zahlenfetischismus ist leicht Statistik zu führen“, sagte der Vorsitzende des hessischen Philologenverbands, Knud Dittmann, der F.A.Z.. Es sei legitim, nach dem Wert des von der Gesellschaft finanzierten Systems Bildung zu fragen. Doch es beschleiche ihn bei solchen Vergleichen „ein ungutes Gefühl“, fügte Dittmann hinzu. Aussagekräftiger sei es, Qualität „zum Beispiel daran zu messen, was Abiturienten wissen oder Absolventen der Jahrgangsstufe zehn. Da müsste man dann schauen, inwieweit Bildungsziele erreicht worden sind.“

          Unter Bildungsforschern gilt das Ranking als umstritten, seit es erstmals veröffentlicht wurde. Dies auch, weil nicht nur sogenannte Leistungsindikatoren wie der Zuwachs investierter Mittel oder der Ausbau von Ganztagsangeboten verglichen werden, sondern auch, weil ein Übergewicht von geisteswissenschaftlichen gegenüber mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Studienabschlüssen negativ gewertet wird.

          SPD und Grüne: Bildungspolitik ist „Mittelmaß“

          In der Zusammenfassung zum entsprechenden Punkt des Vergleichs heißt es, es sei in Deutschland im vergangenen Jahr „aufgrund des Ingenieurmangels zu Wertschöpfungsverlusten in Milliardenhöhe gekommen“. Die Zahl der Ingenieurabsolventen an den hessischen Hochschulen sei in jüngerer Vergangenheit gesunken. „Auf 100 sozialversicherungspflichtige Ingenieure sind im Jahr 2005 rechnerisch nur 4,8 Absolventen gekommen. Im Bundesdurchschnitt sind es 5,3.“

          Dass mit dem Vorrücken vom zwölften auf den zehnten Platz Hessen die zweitgrößte Verbesserung der Länder im Vergleich zum Bildungsmonitor 2006 gelungen sei, wertete Kultusministerin Wolff als Erfolg ihrer Schulpolitik. Dieser wäre noch deutlicher dokumentiert worden, sagte sie, wenn beispielsweise der Bildungsplan für Kinder bis zehn Jahre schon hätte berücksichtigt werden können. Auch müsse bedacht werden, hatte Wolff schon am Tag vor Veröffentlichung der Studie gesagt, dass diese eine Erhebung „mit rein ökonomisch orientierter Zielsetzung“ sei, die Bildungspolitik „auf den Bereich Mensch und Arbeitsmarkt reduziert“.

          Wirtschaftliche Effizienz und Arbeitsmarkterfolg seien aber nur zum Teil mit Mitteln der Schulpolitik zu beeinflussen. Das habe sich „an der Ausbildungsplatzsituation der vergangenen Jahre gezeigt“. SPD und Grüne nutzten die Veröffentlichung des Monitors dazu, der hessischen Bildungspolitik „Mittelmaß“ (der Grünen-Abgeordnete Mathias Wagner) zu bescheinigen.

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