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Kriminalwissenschaft : Wenn ein Eichenblatt den Mörder überführt

DNS nicht nur beim Vaterschaftstest: Kriminaltechniker nutzen die DNS verstärkt zur Aufklärung von Verbrechen Bild: dpa

Kriminalwissenschaftler geben den Ermittlern der Polizei oft entscheidende Hinweise. Neue, spektakuläre Methoden kommen derzeit hinzu. Vor allem die DNS von Pflanzen und Tieren eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.

          4 Min.

          Ein Eichenblatt hat vor nicht allzu langer Zeit Kriminalgeschichte geschrieben. Es ist 1998 im Auto eines Mannes gefunden worden, von dem die Polizei vermutete, er habe seine Frau umgebracht und in einem Waldstück bei Venlo verscharrt. Nachweisen konnte man dem Wuppertaler, der behauptete, nie in dem Wald gewesen zu sein, jedoch nichts – bis sich sechs Jahre später das Kriminaltechnische Institut des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden dem Eichenblatt widmete. Die Forscher extrahierten die DNS des Blattes, dann verglichen sie diese mit den Bäumen im Wald. Schließlich ordneten sie das Blatt aus dem Auto des Verdächtigen einer Stieleiche zu. Und zwar jener Eiche, an der die Leiche vergraben war.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erfolgsgeschichten wie diese gibt es noch nicht viele, denn zu neu ist die Nutzung pflanzlicher Gencodes in der Kriminalwissenschaft. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass die Möglichkeiten in Zukunft immer vielfältiger werden, einen Täter anhand von Blättern, Gräsern oder Moosen zu überführen; nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Spuren, die im Zusammenhang mit einem Verbrechen hinterlassen werden, biologischen Ursprungs sind.

          Demmelmeyer: Das Kapitel DNS ist noch lange nicht erschöpft

          „Wenn man den genetischen Code von Pflanzen eines Tages so präzise und schnell entschlüsseln könnte wie die menschliche DNS, wäre das ein weiterer Durchbruch in der Kriminalwissenschaft“, sagt der Biologe Uwe Schleenbecker, der am Eichenblatt-Fall wesentlich beteiligt war. Bisher konnte man Laubreste, die beispielsweise unter den Schuhen von Verdächtigen gefunden wurden, nur morphologisch bestimmen. Eine individuelle Zuordnung war nicht möglich, obwohl gerade diese für die Überführung des Täters notwendig ist.

          Und so konzentrieren sich die hiesigen Kriminalwissenschaftler auf Säuren und Basen, um die Spuren, die sie vorgelegt bekommen, möglichst genau zuordnen zu können. Nach Ansicht von Helmut Demmelmeyer, stellvertretender Leiter des Kriminaltechnischen Instituts des BKA, ist das Kapitel DNS noch lange nicht erschöpft, sondern gerade erst eröffnet. Vieles, was heute noch unvorstellbar scheint, könnte in einigen Jahren schon Standard sein.

          Bislang keine Rückschlüsse auf einzelnes Tier möglich

          So etwa die molekulargenetische Analyse von Böden, die anhand des fast unerforschten Bakterienwachstums in der Erde derzeit noch mit herkömmlichen morphologischen Untersuchungen durchgeführt wird. Oder aber die individuelle Bestimmung von Tieren, die in Einzelfällen bei Hunden auch schon gelungen ist. Ähnlich wie pflanzliche Spuren werden nämlich Tierhaare, Speichel oder Fellrückstände als Sachbeweis in polizeilichen Ermittlungen immer bedeutender, zumal in jedem dritten Haushalt in Deutschland Haustiere gehalten werden.

          Jemand, der in einer Wohnung war, in der ein Hund oder eine Katze lebt, wird mit aller Wahrscheinlichkeit Haare oder andere Spuren mitnehmen, die sich an seiner Kleidung festsetzen und manchmal mit bloßem Auge kaum zu sehen sind. Bislang war es den Wissenschaftlern nur möglich, anhand von Haaren oder Speichel die Art zu bestimmen, nicht aber Rückschlüsse zu ziehen auf das einzelne Tier. Könnten diese Spuren künftig eindeutig zugeordnet werden, wäre das in den Augen der Ermittler ein Durchbruch, der vor allem vor Gericht eine wesentliche Rolle spielen könnte, wenn es darum geht, einem Verdächtigen nachzuweisen, dass er an einem Tatort gewesen ist.

          Kriminaltechniker arbeiten inzwischen mit Hightech-Geräten

          Dabei ist Kriminalwissenschaft eine Puzzlearbeit, bei der die Biologen, Chemiker oder Physiker ständig gefordert sind. Sie müssen neue Methoden ausprobieren, um die Arbeit der Polizei zu unterstützen. „Man muss erfinderisch werden“, sagt Schleenbecker, der gerade die Entwicklung neuer Verfahren als Herausforderung sieht und sagt, dass die Sache gelaufen sei, „wenn die DNS erst im Töpfchen ist“. Nach den Worten Demmelmeyers kann „jede materielle Spur eine ganz bestimmte Rolle spielen, wir müssen sie nur finden“.

          Und so werden nicht nur die Methoden immer raffinierter, auch die Technik , die überhaupt erst dafür sorgt, dass Spuren entdeckt werden können, die vor wenigen Jahren noch „unsichtbar“ gewesen sind, wird ausgefeilter. Bedeutend ist alles, was an Tatorten, Leichen oder an der Kleidung eines Verdächtigen gefunden wird, seien es Haare, Körperflüssigkeiten, Hautschuppen oder Stofffasern, die auch in kleinsten Mengen schon etwas über ihren Träger verraten. Denn die Kriminaltechniker arbeiten inzwischen mit Hightech-Geräten, die zum Teil eigens dafür entwickelt wurden, winzige Blutspritzer, Pflanzenreste oder Hautschüppchen zu finden. Eben alles, was für die Aufklärung einer Tat von Bedeutung sein kann.

          Software, die Tatorte dreidimensional darstellt

          Fasern etwa, die bei der Aufklärung von Gewaltdelikten schon oft entscheidend waren, werden nicht mehr mit der Lupe, sondern mit speziellen Mikroskopen untersucht, mit deren Hilfe sich nicht nur die Faserart, sondern auch die Einfärbung bestimmen lässt. Und Schmauchpartikel werden inzwischen mit Hilfe von Röntgenfluoreszenzspektrometern analysiert und anschließend mit dem Computer bearbeitet, so dass die Schussentfernung exakt bestimmt werden kann.

          Aber auch die Suche an den Tatorten selbst wird immer mehr von der Technik bestimmt. Statt mit Gips werden Fußabdrücke in der Erde mit sogenannten 3-D-Streifenlichtscannern gesichert und später am Computer analysiert. Und für die Rekonstruktion von Tathergängen gibt es inzwischen sogar eine spezielle Software, mit der Tatorte dreidimensional dargestellt werden können. Diese Methode wurde dem Vernehmen nach auch im Fall von Rudolph Moshammer angewendet, der 2005 ermordet worden war.

          Demmelmeyer: „Sachbeweis ist ein Mosaikstein“

          Trotz aller technischen Fortschritte jedoch bleibt der Spürsinn der Ermittler unentbehrlich, denn als Sachbeweis dienen kann nur das, was im Zuge von Ermittlungen gefunden wird. Wie im Eichenblatt-Fall hängt vieles vom „Erfindergeist“ und der Fachkunde der Wissenschaftler ab. Erforscht wird in Deutschland auf dem Feld der Kriminalwissenschaft allerdings nur das, was bei einer konkreten Ermittlung weiterhelfen kann.

          In anderen Ländern sind die Gesetze nicht so eng gefasst, dort wird beispielsweise versucht, Phänotypen aus dem menschlichen Gencode zu rekonstruieren, woraus geschlossen werden kann, welche Haarfarbe oder sonstigen dominanten Merkmale ein mutmaßlicher Täter hat, um auf diese Weise Phantombilder zu erstellen. Das ist nach Ansicht von Fachleuten jedoch noch „Science-Fiction“ und geht weit über den Auftrag von klassischer Kriminalwissenschaft hinaus.

          In Deutschland sind Kriminalwissenschaftler in erster Linie Helfer der Polizei. Und das nicht zuletzt deshalb, weil sie längst verloren geglaubte Ermittlungen wieder beleben und Pflanzen, Tiere oder Gegenstände zu „Zeugen“ werden lassen, die Auskunft darüber geben, wer für ein Verbrechen verantwortlich ist. „Letztlich“, sagt Demmelmeyer, „ist der Sachbeweis ein Mosaikstein, der nur gemeinsam mit den weiteren Ermittlungen ein Bild ergibt.“

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