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Kriminalwissenschaft : Wenn ein Eichenblatt den Mörder überführt

Dabei ist Kriminalwissenschaft eine Puzzlearbeit, bei der die Biologen, Chemiker oder Physiker ständig gefordert sind. Sie müssen neue Methoden ausprobieren, um die Arbeit der Polizei zu unterstützen. „Man muss erfinderisch werden“, sagt Schleenbecker, der gerade die Entwicklung neuer Verfahren als Herausforderung sieht und sagt, dass die Sache gelaufen sei, „wenn die DNS erst im Töpfchen ist“. Nach den Worten Demmelmeyers kann „jede materielle Spur eine ganz bestimmte Rolle spielen, wir müssen sie nur finden“.

Und so werden nicht nur die Methoden immer raffinierter, auch die Technik , die überhaupt erst dafür sorgt, dass Spuren entdeckt werden können, die vor wenigen Jahren noch „unsichtbar“ gewesen sind, wird ausgefeilter. Bedeutend ist alles, was an Tatorten, Leichen oder an der Kleidung eines Verdächtigen gefunden wird, seien es Haare, Körperflüssigkeiten, Hautschuppen oder Stofffasern, die auch in kleinsten Mengen schon etwas über ihren Träger verraten. Denn die Kriminaltechniker arbeiten inzwischen mit Hightech-Geräten, die zum Teil eigens dafür entwickelt wurden, winzige Blutspritzer, Pflanzenreste oder Hautschüppchen zu finden. Eben alles, was für die Aufklärung einer Tat von Bedeutung sein kann.

Software, die Tatorte dreidimensional darstellt

Fasern etwa, die bei der Aufklärung von Gewaltdelikten schon oft entscheidend waren, werden nicht mehr mit der Lupe, sondern mit speziellen Mikroskopen untersucht, mit deren Hilfe sich nicht nur die Faserart, sondern auch die Einfärbung bestimmen lässt. Und Schmauchpartikel werden inzwischen mit Hilfe von Röntgenfluoreszenzspektrometern analysiert und anschließend mit dem Computer bearbeitet, so dass die Schussentfernung exakt bestimmt werden kann.

Aber auch die Suche an den Tatorten selbst wird immer mehr von der Technik bestimmt. Statt mit Gips werden Fußabdrücke in der Erde mit sogenannten 3-D-Streifenlichtscannern gesichert und später am Computer analysiert. Und für die Rekonstruktion von Tathergängen gibt es inzwischen sogar eine spezielle Software, mit der Tatorte dreidimensional dargestellt werden können. Diese Methode wurde dem Vernehmen nach auch im Fall von Rudolph Moshammer angewendet, der 2005 ermordet worden war.

Demmelmeyer: „Sachbeweis ist ein Mosaikstein“

Trotz aller technischen Fortschritte jedoch bleibt der Spürsinn der Ermittler unentbehrlich, denn als Sachbeweis dienen kann nur das, was im Zuge von Ermittlungen gefunden wird. Wie im Eichenblatt-Fall hängt vieles vom „Erfindergeist“ und der Fachkunde der Wissenschaftler ab. Erforscht wird in Deutschland auf dem Feld der Kriminalwissenschaft allerdings nur das, was bei einer konkreten Ermittlung weiterhelfen kann.

In anderen Ländern sind die Gesetze nicht so eng gefasst, dort wird beispielsweise versucht, Phänotypen aus dem menschlichen Gencode zu rekonstruieren, woraus geschlossen werden kann, welche Haarfarbe oder sonstigen dominanten Merkmale ein mutmaßlicher Täter hat, um auf diese Weise Phantombilder zu erstellen. Das ist nach Ansicht von Fachleuten jedoch noch „Science-Fiction“ und geht weit über den Auftrag von klassischer Kriminalwissenschaft hinaus.

In Deutschland sind Kriminalwissenschaftler in erster Linie Helfer der Polizei. Und das nicht zuletzt deshalb, weil sie längst verloren geglaubte Ermittlungen wieder beleben und Pflanzen, Tiere oder Gegenstände zu „Zeugen“ werden lassen, die Auskunft darüber geben, wer für ein Verbrechen verantwortlich ist. „Letztlich“, sagt Demmelmeyer, „ist der Sachbeweis ein Mosaikstein, der nur gemeinsam mit den weiteren Ermittlungen ein Bild ergibt.“

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