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Kriminalität : Dichtung und Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Sie fuhr meist langsam in ihrem SL, um schneller vorwärts zu kommen: Rosemarie Nitribitt (1957) Bild: dpa

1957 starb die Prostituierte Rosemarie Nitribitt. Ein Jahr darauf erschien ein Spielfilm dazu. Ein Verbrechen, das nie gesühnt wurde und schon Viele genährt hat. Der Fall Nitribitt wird 50 Jahre alt, deshalb: Blick auf eine Legendenbildung.

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          Rosemarie Nitribitt war wirklich ihr Name. Darauf ist Wert zu legen, denn dies ist 50 Jahre nach dem unaufgeklärten Mord, dem die berühmteste Prostituierte Deutschlands zum Opfer fiel, eine der überschaubar wenigen Tatsachen in einer immer wieder neu erzählten Geschichte. Die ist, je nach Alter, Geschlecht, Bildung und Absichten der Erzählenden, oft geschrieben und umformuliert, auf- und abgepeppt, mit Arabesken versehen, ins Sagenhafte verklärt und vor allem als Gesellschaftskritik verkauft worden.

          Von der Hure Nitribitt, die zeit ihres kurzen Lebens keinen Zuhälter nährte, haben viele postum publizistisch ihre Brötchen verdient. Die Macht der entworfenen Bilder vom Leben und Sterben des „Mädchens Rosemarie“ überstrahlt die karge Wirklichkeit bei weitem. Es scheint unmöglich geworden und vielleicht nicht einmal wünschenswert, näher auf das Leben einer Frau einzugehen, die langsam fuhr in ihrem 190 SL, um schneller vorwärtszukommen. Nur so viel: Sie starb mit 24 Jahren in ihrem neobarock eingerichteten Appartement, sie wurde erwürgt, der Täter nie gefasst.

          Heute kaum zu begreifende Explosionswirkung

          Die Grundidee zur Legende stammt vermutlich von Erich Kuby. Aus der Beobachtung, dass Rosemarie Nitribitt in ihrer Profession vernünftig vorging und von möglichst wohlhabenden Freiern möglichst hohen Dirnenlohn forderte, exzerpierte der hochangesehene Publizist in den späten fünfziger Jahren ein Sittengemälde des Wirtschaftswunderlands Bundesrepublik Deutschland. Kuby wies sozusagen einleitend darauf hin, dass „Nitribitt“ klinge wie die Bezeichnung für einen Sprengstoff, und legte dann Feuer an die gesellschaftskritische Lunte.

          Aus heutiger Sicht lässt sich die Explosionswirkung kaum mehr begreifen, aber das skandalträchtige Gemunkel, dass Wirtschaftskapitäne auf Landurlaub der Unzucht frönten, bot eine erhöhte Plattform für Schüsse auf das von einem katholischen Kanzler regierte Land, die dort anzutreffende Bigotterie in Sachen Sexualität und Aussichten, die moralische Überlegenheit moralisch Verdächtiger über die Heuchler der Republik zu verherrlichen.

          Ein Film, kein Jahr nach ihrem Tod

          Rosemarie Nitribitt wurde Ende Oktober 1957 - den genauen Zeitpunkt hat eine ungenau ermittelnde Frankfurter Kriminalpolizei nicht klären können - in ihrer Wohnung am Eschenheimer Turm getötet. Schon 1958 war der Spielfilm „Das Mädchen Rosemarie“ mit Nadja Tiller, Gerd Fröbe, Mario Adorf, Hanne Wieder und Horst Frank unter der Regie von Rolf Thiele abgedreht. Das Werk nimmt sich auf spöttisch-kabarettistische Weise einer von fetten, selbstzufriedenen und skrupellosen Typen beherrschten Gesellschaft an. „Brillanten an der Hand / Picasso an der Wand / ,Mein Kampf' hamm wir leider verbrannt“, heißt es in einer der zahlreichen Couplet-Einlagen. Neben Spott und Hohn auf Geilheit und Doppelmoral suggeriert der Film einen weiteren Standard der Nitribitt-Saga. Danach hat die schmierige Oberschicht, von der die Dirne lebte, sie als unbequem gewordene Mitwisserin um die Ecke gebracht.

          Dieselbe Story, angereichert mit etwas militärisch-industriellem Komplex, tischt das Remake von 1996 mit der darstellerisch überragenden Nina Hoss in der Titelrolle auf. Die Wurzeln angeblicher Verstrickung ins Milieu militärischer Geheimnisse liegt in Boulevard-Berichten aus Zeiten nach dem Mord, als öffentlich darüber nachgesonnen wurde, was wohl Begegnungen der Nitribitt mit einem griechischen Offizier nachrichtendienstlich bedeuten könnten. Diese und andere Geschichten - Nitribitt war lesbisch, Nitribitt erfreute Homosexuelle mit bizarren Spielen, Nitribitt kannte Staatsgeheimnisse, Nitribitt hat ihre Kunden erpresst - überragen die kriminalistische und juristische Wirklichkeit vielfach. „Nichts Größeres und Wichtigeres ist uns, so möchte man glauben, in den letzten Jahren geschehen als die Ermordung der Lebedame Rosemarie“, spottete 1959 Friedrich Sieburg in einem Leitartikel in der F.A.Z. unter der Überschrift „Der Pudel in der Lasterhöhle“.

          Dirnenmord im Milieu

          Der Aufforderung, den Dirnenmord im Milieu und die Kirche im Dorf zu lassen, ist freilich kaum jemand gefolgt. Der Fall, gerade weil er nicht gelöst und der Hauptverdächtige Heinz Pohlmann 1960 mangels Beweisen vom Frankfurter Landgericht freigesprochen wurde, bietet offensichtlich zu viel Anreiz, ihn immer neu zu betrachten. Es gibt ein Nitribitt-Musical, einen weiteren Film und ungezählte angeblich exklusive Berichte. Dieser Tage erscheint das Buch „Rosemarie Nitribitt - Autopsie eines deutschen Skandals“. Der Verlag verspricht „keine erneute Mördersuche“, dafür würden „Mief und Aufbruchstimmung“ der fünfziger Jahre spürbar.

          Wer immer noch nicht genug hat von Nitribitt oder einsteigen möchte in das Thema, dem bietet das „Journal Frankfurt“ am 1. und 2. November eine Stadtführung zwischen Hauptbahnhof, Frankfurter Hof und Eschenheimer Turm. Es führen Christian Setzepfand und Thorben Leo. Auch diese Namen sind echt.

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