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Alkoholmissbrauch : „Krass, wie viele Jüngere schon mitsaufen“

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Alkoholmissbrauch kann beiJugendlichen mit der Neigung einhergehen, sich selbst zu schädigen. Bild: dpa

Gerade Jugendliche aus „gutem Hause“ gehen in Deutschland deutlich unvernünftiger mit Alkohol um als ihre Altersgenossen aus weniger privilegierten Milieus. Das Frankfurter Projekt „Halt - Hart am Limit“ bietet seit längerem Hilfe.

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          „Ballermannplatz“ steht am Eingang der ein wenig an eine Skihütte erinnernden Balkenkonstruktion. Im Innern dieser Hütte, die so heißt wie jener Ort auf einer spanischen Insel, an dem Touristen Sangria gleich eimerweise trinken, wuseln junge Leute im bunten Licht umher – auf der Tanzfläche der Frankfurter Disko „A 66“. Eine junge Frau umfasst einen der Balken mit ihren Händen, schwingt lasziv das Becken, und die Zuschauer klatschen. Heute ist „Abi-Party“ in der Disko. In den vergangenen Wochen haben die Gymnasiasten ihre schriftlichen Abschlussprüfungen hinter sich gebracht. Eine der höheren Schulen hat deshalb gemeinsam mit den Disko-Betreibern zum Feiern in das Haus an der Mainzer Landstraße geladen.

          Wie am Ballermann wird auch auf Abi-Partys getrunken – zu viel, wie Experten meinen. Gerade Jugendliche aus „gutem Hause“ gehen in Deutschland deutlich unvernünftiger mit Alkohol um als ihre Altersgenossen aus weniger privilegierten sozialen Milieus. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Deutschland betreffende Teil einer Studie der Weltgesundheitsorganisation unter dem Titel „Health Behaviour in School-aged Children“. Es sind die Söhne und Töchter von Ärzten, Rechtsanwälten oder Managern, deren Partys häufig mit völligen Abstürzen enden. Ein besonders drastischer Fall war der Tod eines Berliner Gymnasiasten in der vergangenen Woche. Der Sechzehnjährige fiel ins Koma, nachdem er mehr als 50 Schnäpse getrunken hatte.

          „Schnelle Entspannung“

          „Während der Alkoholkonsum von Jugendlichen insgesamt eher zurückgeht, trinkt eine bestimmte Gruppe exzessiv“, sagt der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann, der für die Studie mitverantwortlich ist. Hurrelmann stützt sich dabei auf Ergebnisse aus dem Jahr 2003. Doch auch eine aktuelle Untersuchung, die derzeit ausgewertet wird, dürfte diesen Trend wohl bestätigen. Verkürztes Gymnasium und Zentralabitur, verschärfter Leistungsdruck und Versagensängste könnten für die Flucht in den Suff verantwortlich sein, meint der Wissenschaftler. „Es ist eine Gruppe, die nach der schnellen Entspannung sucht.“ Oft werde gerade bei starken Schülern der tägliche Druck im Alkohol ertränkt.

          Dem stimmt auch der Betriebsleiter des „A 66“, Rolf Schmidt, zu: „Die wollen mal loslassen von dem ganzen Stress und den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Bei uns können sie mal fünfe gerade sein lassen.“ Problematisch findet er das nicht. Die runden Tische vor den verschiedenen Tresen rund um die Tanzfläche sind voll mit Gläsern. Mal sieht man zehn frisch gezapfte Bier, mal sind es sechs Longdrinks, ein einzelnes Getränk ist selten. Schließlich ist „Doppeldecker-Party“.

          Für jeden bezahlten Drink gibt es einen zweiten gratis dazu. Zu anderen Anlässen verkauft die Disko jedes Getränk zum Schleuderpreis von 99 Cent. Von den Schülern wird das Angebot dankbar angenommen. Auf einer Treppe, auf der es zur Empore der Disko geht, steht Oliver. Der Siebzehnjährige wirkt nüchtern. Er wolle sich heute nicht betrinken, sagt er. Das „Doppeldecker“-Angebot findet der Elftklässler trotzdem gut. Als Schüler habe man eben wenig Geld. „So kann man am nächsten Tag noch einmal feiern gehen.“

          „Das hat auf jeden Fall zugenommen“

          Kritischer sind dagegen die Jugendlichen an einer der Bars. Katharina und Sophié haben gerade ihre Abiturprüfungen an einem Schwalbacher Gymnasium hinter sich. „Ich finde es krass, wie viele Jüngere schon mitsaufen“, sagt Katharina. „Das hat auf jeden Fall zugenommen.“ Selten werde mal jemand nach dem Ausweis gefragt. Den Fall des toten Jugendlichen aus Berlin kann sie sich trotzdem nicht erklären. „Normalerweise kümmern sich doch wenigstens die Freunde um so jemanden.“

          Nicht erst seit dem Berliner Fall nimmt sich die Stadt Frankfurt des Themas volltrunkener junger Menschen an. Beim Projekt „Halt – Hart am Limit“ werden seit rund zwei Jahren alle Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren, die wegen Vollrauschs nicht mehr ansprechbar sind, zur Behandlung ins Bürgerhospital gebracht. Nach Ausnüchterung und psychiatrischer Betreuung in der Klinik können sie bei der Jugendberatung und Suchthilfe am Merianplatz weiter therapeutisch begleitet werden.

          „Die Betroffenen sind kurz nach einer solchen Erfahrung besonders empfänglich für Beratung“, sagt der Leiter der Suchthilfe, Joachim Messer. In den vergangenen beiden Jahren wurden im Bürgerhospital 129 volltrunkene Jugendliche eingeliefert. Mit 37 Personen stellen Gymnasiasten die größte Gruppe.

          „Das Ordnungsamt hat da ein Auge drauf“

          Auch die städtischen Behörden wollen künftig stärker gegen den Alkoholmissbrauch Jugendlicher vorgehen. „Das Ordnungsamt hat da ein Auge drauf“, sagt Rainer Kreiser, Referent von Ordnungsdezernent Boris Rhein (CDU). Der Außendienst werde häufiger Kontrollen in Kneipen und Diskos machen, um den Ausschank an Minderjährige zu überwachen. Allerdings dürfen Wirte nach dem Gaststättengesetz ohnehin keinen Alkohol an Besucher ausschenken, die schon erkennbar betrunken sind. Zudem muss mindestens ein nichtalkoholisches Getränk genauso billig sein wie das günstigste alkoholische. Bei Verstößen gegen das Gesetz wolle das Amt entschlossen vorgehen, sagt Kreiser. Im Extremfall werde den Wirten die Ausschankerlaubnis entzogen.

          Mit Kontrollen hat auch das „A 66“ zu rechnen. Auch wenn an diesem Abend alles ruhig verläuft. Volltrunkene Jugendliche sind nicht zu sehen. Nur auf der Eisentreppe vor der Diskothek sitzen zwei junge Frauen, die offenbar dringend frische Luft brauchen. Neben beiden steht eine leere Sektflasche. „Nicht aus der Diskothek“, sagt eine der beiden. „Die haben wir an der Tankstelle gekauft.“

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