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Frankfurter Krankenhaus : Gebühren zahlen, um zu arbeiten

Pendlerpauschale: Weil immer mehr Auswärtige die Parkplätze des Katharinenkrankenhauses in Frankfurt belegen, will Geschäftsführerin Dr. Alexandra Weitzel die Gebühren erhöhen Bild: Helmut Fricke

Die Parkplätze am Katharinenkrankenhaus in Frankfurt sind oft von Pendlern besetzt. Die Mitarbeiter der Klinik finden keinen Stellplatz mehr und drohen mit Kündigung.

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          Morgens um 6 Uhr arbeitet Alexandra Weitzel schon an ihrer Haltung. An ihrer körperlichen – und an ihrer geistigen. Die Geschäftsführerin des Katharinenkrankenhauses in Frankfurt geht mehrfach in der Woche zum Aikido-Training. Die japanische Kampfkunst basiert auf einer friedlichen Grundhaltung. Es geht nicht darum, den Gegner zu besiegen, sondern seinen Angriff abzuwehren und den Konflikt konstruktiv zu lösen. In der Theorie so einfach, in der Praxis so schwer. Denn im echten Leben gibt es manchmal Konflikte, die sich nicht einfach aus der Welt schaffen lassen. Weder mit ein paar gezielten Handgriffen noch mit einer durch und durch friedlichen Grundhaltung.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Konflikt, den Weitzel selbst beim morgendlichen Training nicht aus ihrem Kopf verbannen kann, spielt sich nur wenige Meter vom Katharinenkrankenhaus entfernt ab. Der Parkplatz, auf dem Angehörige von Patienten und Bedienstete der Klinik ihre Autos abstellen können, ist seit einigen Wochen restlos überfüllt. Denn nachdem in Bornheim eine neues Parkraumkonzept in Kraft getreten ist, nutzen immer mehr Pendler das Klinikgelände, um ihre Autos abzustellen. Schließlich kostet hier eine Stunde Parkzeit nur einen Euro, außerhalb des Klinikgeländes sind es mittlerweile zwei Euro. Viele der Parkplätze, die im Umkreis zuvor gebührenfrei genutzt werden konnten, sind in Anwohnerparkplätze umgewandelt worden.

          20 Euro je Acht-Stunden-Schicht

          Zahlreiche Mitarbeiter der Klinik hätten sich schon beschwert, sagt Weitzel. Zwei sogar angekündigt, nicht mehr für das Krankenhaus arbeiten zu können, sollten sie auch künftig gezwungen sein, auf den teuren Parkplätzen außerhalb des Geländes zu stehen. Bei einer Acht-Stunden-Schicht kämen laut Weitzel schnell mal Gebühren in Höhe von 20 Euro zusammen. Pro Tag. Ein Großteil der Klinik-Mitarbeiter lebe nicht in Frankfurt, erzählt Weitzel. Viele könnten sich die Mieten in der Stadt nicht leisten und müssten deshalb pendeln. Weil die Schichten oft spät enden oder sehr früh beginnen würden, sei das für viele nur mit dem Auto möglich. „Auf einem Markt, auf dem es so schwer ist, Personal zu finden, ist so ein Konflikt jammerschade.“

          Weitzel hat sich in ihrer Not an Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) gewandt und ihn zu einem Treffen auf dem Klinikparkplatz eingeladen. Oesterling kam. Allerdings ohne eine Lösung. „Wir prüfen die Situation, ob es Möglichkeiten gibt, zu einer Verbesserung zu kommen“, sagte er. Konkrete Vorschläge wollte er keine benennen. „Die Situation ist nicht ganz einfach.“ Ausnahmen, die Klinikmitarbeitern beispielsweise das Parken außerhalb des Klinikgeländes ermöglichen könnten, seien nur schwer vorstellbar und „immer durch Gesetze begrenzt“.

          Frust der Anwohner

          Weitzel hat mit dieser Antwort fast schon gerechnet. „Alles, was er hier zugesteht, muss er an anderer Stelle auch zugestehen.“ Ganz nach der Aikido-Lehre um eine defensive Haltung bemüht, kann sie sogar den Frust der Anwohner verstehen, die im Ortsbeirat immer wieder Anwohnerparkplätze gefordert hatten.

          Aber Weitzel möchte auch den Wert der Klinik für Bornheim nicht kleinreden. Ein Krankenhaus nah am Bürger – das erfordere nun einmal auch Kompromisse. Einer davon könnte ihrer Ansicht nach der Kauf durch das Krankenhaus von rund 50 Sonderlizenzen sein, die sonst für Gewerbetreibende ausgestellt werden. Diese würden den Mitarbeitern das Parken in der Umgebung erlauben. Aber sie ahnt schon, dass das den Unmut der Anwohner nach sich ziehen könnte. „Wir können nicht gewinnen“, sagt sie.

          Die Geschäftsführerin der Klinik hat, gemeinsam mit einigen Gewerbetreibenden, auch vor den Ortsbeiräten vorgesprochen. Die Sitzung Anfang Februar dauerte lange. Spätabends habe sie sich mit der Bahn auf den Heimweg gemacht. Die sonst so selbstbewusste, resolute Weitzel erinnert sich an das mulmige Gefühl, das sie begleitet habe.

          Damals habe sie einmal mehr Verständnis für die Entscheidung mancher Mitarbeiter gehabt, spätabends das Auto zu nehmen. „In der Pflege arbeiten viele Frauen. Ich kann verstehen, dass die nachts nicht alleine mit der Bahn durch die Stadt fahren wollen.“

          Weitzel glaubt nicht daran, dass eine schnelle Lösung gefunden werden kann. Auch deshalb plant sie, in den kommenden Monaten mehr Fahrradstellplätze sowie ein Jobticket für ihre Mitarbeiter anzubieten. Eines hat sie für sich gelernt: Mit ihrer nach Harmonie strebenden Aikido-Haltung kommt sie bei den Pendlern nicht weiter. „Wir sind kein Parkplatzbetreiber. Wir wollten nie Gewinn machen.“ Auch wenn es ihrer Grundhaltung widerstrebt, sieht sie sich gezwungen, die Parkgebühren auf dem Klinikparkplatz ab dem 1. März auf zwei Euro zu erhöhen.

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