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Frankfurter Krankenhäuser : Multiresistente Keime am Main keine Unbekannten

Hygiene: Gegen multiresistente Keime hilft nur gründliches Desinfizieren. Bild: dpa

In Kiel waren zwölf Menschen an ihnen gestorben: Multiresistente Keime. Auch in Frankfurter Krankenhäusern kennt man das Problem.

          Auch den Krankenhaushygienikern in Frankfurt ist es wohlbekannt: das Bakterium Acinetobacter baumannii, das als multiresistenter Erreger zu lebensbedrohlichen Krankenhausinfektionen führen kann und in den vergangenen Wochen das Universitätsklinikum Kiel in die Schlagzeilen gebracht hat. In Frankfurt haben Krankenhäuser den Keim, der sich kaum noch mit Antibiotika bekämpfen lässt, im vergangenen Jahr 45 Mal bei Patienten entdeckt, wie Ursel Heudorf vom Gesundheitsamt berichtet.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei sei es allerdings zu keinem Ausbruch, also zur Erkrankung mehrerer Patienten in einer Klinik, gekommen. Anders in Kiel: Dort hatte sich der Erreger im Universitätsklinikum ausgebreitet und wurde am Ende bei 31 Patienten nachgewiesen. Zwölf von ihnen starben, drei möglicherweise an den Folgen einer Infektion mit dem Bakterium, das Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Blutvergiftung hervorrufen kann.

          Patienten meist zuvor im Urlaub gewesen

          Für die Bekämpfung holten sich die Ärzte in Kiel Unterstützung aus Frankfurt, denn an der Goethe-Universität gibt es seit dem vergangenen Jahr eine Forschergruppe, die sich mit dem Keim befasst. Inzwischen sind Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, und der leitende Krankenhaushygieniker Christian Brandt wieder zurück aus Schleswig-Holstein. Die beiden Experten konnten mit ihrem Wissen in Kiel „erklärend helfen“, wie Kempf dieser Zeitung berichtet. Sie hätten unter anderem Infektionswege, Untersuchungsmethoden und die eigenen Vorkehrungen gegen eine Ausbreitung des Keims erläutert.

          Im Uniklinikum Frankfurt werde im Jahr etwa ein Dutzend Patienten behandelt, die mit dem Bakterium besiedelt seien, schätzt Kempf. Es handele sich überwiegend um Menschen, die zuvor im Ausland im Krankenhaus gelegen hätten. Auch in Kiel hatte nach Angaben des dortigen Uniklinikums ein Urlauber, der in der Türkei im Krankenhaus behandelt worden war, den Erreger eingeschleppt. In Südosteuropa, Vorderasien und im arabischen Raum sei das multiresistente Bakterium verbreitet, berichtet Kempf. Deshalb isoliere das Uniklinikum grundsätzlich Patienten, die aus einer dortigen Klinik nach Frankfurt verlegt würden, und untersuche sie auf den Keim.

          Keim schwierig nachzuweisen

          Das Gesundheitsamt empfehle den Krankenhäusern darüber hinaus, Patienten bei der Aufnahme nach längeren Auslandsaufenthalten oder Reisen innerhalb der vergangenen sechs Monate zu fragen und sie dann gegebenenfalls genauer zu untersuchen. Eine Studie der Universität Leipzig hatte ergeben, dass multiresistente Erreger oft auf der Haut oder im Darm von Touristen zu finden sind, ohne dass sie deren Gesundheit beeinträchtigten. Nach einigen Monaten waren sie meist wieder verschwunden.

          Rund 50 Prozent der Betroffenen stammen laut Heudorf aus dieser Risikogruppe. Außer dem Auffinden von Risikopatienten sieht Kempf noch eine andere Schwierigkeit: „Der Erreger lässt sich nicht leicht nachweisen.“ Es müssten mehrere Proben, zum Beispiel Urin, Kot und Hautabstriche, von einem Patienten untersucht werden – und das mehrmals in längeren Abständen. Der resistente Keim fällt oft erst während einer Therapie mit Antibiotika auf, wenn andere Bakterien zurückgedrängt werden.

          Desinfektion ist bisher das beste Mittel, um eine Ausbreitung des Keims zu verhindern. In Frankfurt gab es 2006 mit sechs Erkrankten den bisher letzten größeren Ausbruch. Seinerzeit sei der Erreger auf einem Telefonhörer entdeckt worden, von wo aus er sich verbreitet habe, so Heudorf. Anders als multiresistente Darmkeime, die nur in feuchter Umgebung vorkämen, könne Acinetobacter baumannii auch lange Zeit auf trockenen Oberflächen überleben.

          Wenn heute an einer Frankfurter Klinik der Keim entdeckt werde und der Patient nicht schon zuvor isoliert worden sei, werde meist die betroffene Station geschlossen, und alle Flächen und Geräte würden gründlich desinfiziert. Das komme etwa ein- bis zweimal im Jahr vor, sagt Heudorf. Die Kliniken träfen die Vorkehrungen von sich aus und informierten das Gesundheitsamt darüber. Hessen ist das einzige Bundesland, in dem seit 2011 das Auftreten von multiresistenten Stäbchen-Bakterien überhaupt gemeldet werden muss.

          Einen so großen Ausbruch wie in Kiel halten Kempf und Heudorf in Frankfurt für unwahrscheinlich. Man sei sich hier der Gefahr bewusst. Durch den Flughafen und das internationale Publikum in der Stadt hätten die Krankenhäuser schon Erfahrung im Umgang mit dem Erreger.

          Der Ausbruch in Kiel habe den Frankfurter Forschern eigentlich keine neuen Erkenntnisse gebracht, berichtet Kempf. Er habe nur verdeutlicht, wie ernst die Bedrohung sei. Und es habe sich gezeigt, wie wichtig es sei, dass sich Krankenhäuser darauf vorbereiteten. Der Erregerstamm aus Kiel, den die Forscher nun in Frankfurter Laboren untersuchen werden, sei nicht der aggressivste bisher gefundene. In Frankfurt habe es schon einen Keim gegeben, der nicht nur gegen vier Antibiotikagruppen resistent gewesen sei, sondern auch gegen das Notfallantibiotikum Colistin. Er sei damals aus Griechenland eingeschleppt worden. Mediziner könnten in so einem Fall nur den Patienten stabilisieren und hoffen, dass sein Körper die Infektion selbst bekämpft.

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