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Kopten in Frankfurt : Die Ruhe nach dem Sturm

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Der koptische Bischof in Deutschland, Anba Damian (links), bei der Frankfurter Gedenkgottesdienst-Zeremonie mit Weihrauch Bild: Linda Dreisen

Die koptisch-orthodoxe St. Markus-Gemeinde in Frankfurt gedenkt der Toten von Alexandria. Mit ihnen trauern Christen anderer Konfessionen, Muslime und Politiker. Den Kopten ist die Aufregung der vergangenen Tage anzumerken.

          Es ist schon spät am Abend, als am Altar der koptisch-orthodoxen Kirche St. Markus ein abgekämpfter Priester steht, mit weißgrauem Vollbart und geränderten Augen. Vater Pigol Bassili singt mit dem harten Kern seiner Gemeinde das Kyrie Eleison. In den Gängen des Gemeindehauses stehen leere Plastikbecher auf benutzten Einwegtischdecken. Programmblätter liegen auf dem Boden. Langsam kehrt wieder Stille ein. Es ist die Ruhe nach dem Sturm, dem die Gemeinde in den vergangenen Tagen ausgesetzt war.

          Zwei Stunden zuvor: Am Altar steht Bischof Anba Damian, das geistliche Oberhaupt der Kopten in Deutschland. Er singt das „Gebet für die Entschlafenen“. Vor ihm im überfüllten Gottesdienstraum sitzen geistliche und weltliche Würdenträger. Neben dem purpurnen Käppchen des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst ist der rote Haarschopf von Heidemarie Wieczorek-Zeul zu sehen. Die ehemalige Entwicklungsministerin ist ebenso wie die CDU-Bundestagsabgeordnete und Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach in die Kirche in der Lötzener Straße im Stadtteil Hausen gekommen, um Solidarität mit denen zu zeigen, die hier ihrer Glaubensgeschwister gedenken. 23 koptische Gottesdienstbesucher waren von der Autobombe in Alexandria in den Tod gerissen worden. Es war nur die jüngste Bluttat an ägyptischen Christen in den vergangenen Jahren.

          An Uniformierten und Schaulustigen vorbei

          Aus dem Altarraum quillt Weihrauch. Laut betet die Gemeinde: „Du hast uns die Macht gegeben auf Schlangen und Skorpione und jegliche Macht des Feindes zu treten!“ Ein Betender stampft fest auf den Boden, danach fährt seine Hand in die Sakkotasche, er wischt die Tränen weg. Zu seiner Linken versucht ein älterer evangelischer Christ mit dem ausgeteilten Papp-Kalender, den Weihrauch zu vertreiben. Durch die Schwaden wirft ein Beamer die Texte der Hymnen bis zu der Leinwand über dem Altar.

          Vater Bassili, der Priester von St. Markus, stammt aus Alexandria und kennt den Schmerz, den die meisten der acht Millionen Kopten im Land der Pharaonen ertragen. In Deutschland wähnten sie sich sicher - bis Weihnachten. Da waren sie auch hier von der Polizei auf Anschlagsgefahren hingewiesen worden, durch das Internet waberten islamistische Morddrohungen.

          Nun gedenken sie der Toten und müssen dabei selbst von der Polizei geschützt werden. Die Lötzener Straße ist seitdem während der Zusammenkünfte für den Durchgangsverkehr gesperrt. Bei der Feier der koptischen Weihnacht am 6. Januar durchsuchten Polizisten mit Spürhunden das Gotteshaus nach Sprengstoff. Seit der Terrorwarnung müssen sich die Gläubigen auf dem Weg zu St. Markus an Uniformierten und Schaulustigen vorbei drängen. Dennoch wirken die Kopten befreit. Sie wurden wahrgenommen. Eine Delegation des Bundestags ist in Ägypten, um für Religionsfreiheit zu werben, die Kameras, Mikrofone und Notizblöcke brachten Aufmerksamkeit. Die Beileidsbekundungen von Stadt und Staat, von Christen und Muslimen, der Beistand der Polizisten, all das trug zu der Rührung bei, die man jetzt in den Gesichtern lesen kann.

          Freude über das große Interesse

          Den interreligiösen Dialog beschwört Bischof Damian während der Gedenkfeier nicht. Stattdessen redet er schon zuvor mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime. Die beiden sitzen in einem Nebenraum der Kirche. Als ein Journalist die Tür aufreißt, ruft der Bischof: „Warten Sie! Bruder Aiman und ich sind noch am Kochen. In zwei ägyptischen Minuten kommen wir zu Ihnen!“ Vor der Tür steht ein Sechserpack Limonade. Auf dem Etikett steht „Flirt“.

          Während der Gedenkfeier in der Kirche kann man den griechisch-orthodoxen Bischof Athenagoras Ziliaskopoulos im schwarzen Habit mit langem Schleier sehen, wie er „Hallo Mustafa!“ ruft und auf den Vorsitzenden einer Griesheimer Moschee zuläuft. Sie umarmen sich innig. Bevor Bischof Damian nach Berlin aufbricht, um dort seine „Schäfchen zu trösten“ sagt er: „Ich freue mich über das große Interesse. Dieser Tage denke ich manchmal, Mann bist du wichtig. Wirklich wichtig ist aber die Sicherheit unserer Brüder in Ägypten.“

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