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Streitfall Kopftuch : „Wir müssen die Widersprüche aushalten“

„Widersprüche aushalten“: Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) zum Kopftuch-Streit Bild: Frank Röth

An der Frankfurter Universität läuft die Konferenz „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“. Frankfurts Fachdezernentin Ina Hartwig meint, es sei allerhöchste Zeit, sich mit muslimischer Mode zu befassen.

          Wegen der Ausstellung über islamische Mode im Museum Angewandte Kunst gab es Proteste unter anderem von liberalen Muslimen und feministischen Gruppen. Vor der Diskussionsveranstaltung an der Goethe-Universität wurde die Veranstalterin Susanne Schröter, Direktorin des Zentrums Globaler Islam, von muslimischen Studenten heftig angefeindet. Hass-Mails, Drohungen, Denkverbote kommen von unterschiedlichen Seiten: Sind wir in Zeiten der Polarisierung am Ende der Diskussionskultur angelangt?

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Glücklicherweise befinden wir uns mitten in mitten in einer lebendigen und lebhaften Diskussionskultur. Allein die Reaktionen auf die Ausstellung zeitgenössischer muslimischer Mode im Museum Angewandte Kunst, die ja einen unglaublichen Zuspruch erfährt, als auch die Diskussionsveranstaltungen an der Goethe-Universität zeigen, dass das Interesse groß ist und es einen enormen Gesprächsbedarf gibt.

          Geht die Museumsschau mit ihrem Fokus auf Modedesign zu unpolitisch mit dem Thema um, haben die Verantwortlichen die Brisanz falsch eingeschätzt?

          Im Gegenteil. Die Verantwortlichen haben erkannt, dass das Thema in der Luft liegt und es allerhöchste Zeit ist, sich einmal mit muslimischer Mode der Gegenwart zu befassen. Sie ist ja sehr differenziert, sehr frisch, zum Teil auch frech, dann wieder „modest“, bescheiden, sittlich, wie es übersetzt wird. Die Ausstellung tut aber auch alles andere, als zu behaupten, das Leben der Frauen in Iran sei ein Fest oder die fortschreitende Islamisierung in Indonesien sei kein Problem. Die Ausstellung nimmt ein Thema auf, das uns auch in Westeuropa interessieren muss, weil wir feststellen, dass islamische Mode auf der Straße stattfindet. Und wie das mit der Mode so ist: Sie ist schillernd, in ihrer Bedeutung changierend und grundsätzlich interpretierbar. Darum kümmert sich die Ausstellung. Und auch darum, Klischees aufzubrechen, in die Frauen im Zusammenhang mit der Kopftuchdebatte doch oft gepresst werden.

          Lassen sich die kulturellen Aspekte der Kopfbedeckung von den religiösen und politischen trennen?

          Dies ist eine Frage an uns selbst. Mir scheint es hier immer auch um die Deutungshoheit zu gehen. Das Kopftuch lebt mit Zuschreibungen, solchen, die wir selber tätigen, und solchen, von denen wir annehmen, dass sie getätigt werden. Es gibt die Zuschreibungen der Religion, des schieren Schutzes, des Spiels mit dem Kopftuch, wie es das Museum Angewandte Kunst vorführt, diese Zuschreibungen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Wir müssen die Widersprüche aushalten und gegebenenfalls mit einer Paradoxie leben.

          Das Kopftuch ist in Ländern wie Ägypten oder der Türkei ein Symbol für die Islamisierung von Gesellschaften, in denen jahrzehntelang eine liberale Kleiderordnung galt. Geht uns das nichts an?

          Die Islamisierung der Gesellschaften geht uns selbstverständlich etwas an. Die Zunahme von verschleierten Frauen im Straßenalltag etwa in Kairo oder Istanbul kann einen nicht gleichgültig lassen. Aber ich würde das Thema der Islamisierung nicht nur an der Kleiderordnung für die Frauen festmachen, das ist eine Stellvertreterdiskussion.

          Ist das Kopftuch, von der Ganzkörperverhüllung ganz zu schweigen, vereinbar mit den Werten einer freiheitlichen Gesellschaft?

          Die Ganzkörperverhüllung ist in meinen Augen ein anderes Thema als das Kopftuch. Sie führt dazu, dass wir Frauen nicht ins Gesicht schauen können, streng genommen nicht einmal wissen, ob darunter überhaupt eine Frau ist. Das ist eine Provokation, ein Angriff auf die freiheitliche Gesellschaft, für die Individualität eine zentrale Rolle spielt. Das Kopftuch allerdings muss eine freiheitliche, tolerante Gesellschaft aushalten.

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