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Kontrolle von Gefahrgut : Ein Alltag zwischen Giftstoffen

Abgesichert: Ein Kontrolleur prüft die Befestigung von Gasflaschen bei einer Lieferung. Bild: Wolfgang Eilmes

Allein im Industriepark Höchst in Frankfurt werden täglich bis zu 600 Lastwagen mit Gefahrgut abgefertigt. Die Strafe für Transportmängel zahlen am Ende die Fahrer.

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          Der Lastwagen ist in Rumänien zugelassen, der Fahrer stammt aus Spanien. Das ist nichts Außergewöhnliches mehr. Die Unternehmen, so sagt der Gefahrgut-Sachverständige Lothar Walther, schauen darauf, „wo’s gerade am billigsten ist“. Er gehört zu einer Gruppe von Kontrolleuren, die unter der Leitung des Straßenverkehrsamtes Dienstagmorgen am Tor Süd des Industrieparks Höchst Lastwagen mit Gefahrgut prüfen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ätzende Stoffe transportiert der rumänische Lastwagen laut den mitgeführten Frachtpapieren, der Fahrer hat eine zweitägige Fahrt von Spanien nach Frankfurt-Höchst hinter sich. Jetzt hat er eine Anzeige am Hals und muss mit einer Geldstrafe von 200 Euro rechnen. Denn nicht alle Tanks und Fässer, die er geladen hat, sind ordnungsgemäß befestigt, an manchen Stellen hängen die Ladegurte schlaff herunter. Im schlimmsten Fall könnten Behältnisse mit gefährlichen Stoffen etwa bei einem scharfen Bremsvorgang von der Ladefläche rutschen und auf die Fahrbahn fallen, erläutert Walther.

          Seit 40 Jahren kontrolliert der Mann aus Thüringen im Auftrag des hessischen Verkehrsministeriums Gefahrgut-Transporte. Schlecht gesicherte Ladungen sind für ihn Alltag. „Es muss immer schnell gehen und darf nichts kosten“, mit diesen Worten beschreibt er die übliche Haltung der Speditionen. Auch wenn sie bei Verstößen gegen die Vorschriften für den Gefahrgut-Transport Strafe zahlen müssten: Die wahren Gelackmeierten seien die Fahrer, denn sie stünden am Ende der Kette und würden bei Fehlern als Erste zur Verantwortung gezogen. Laut Gesetz müssten letztendlich sie dafür Sorge tragen, dass die Gefahrgüter auf ihrem Lastwagen verstaut seien und ihre Fahrzeuge keine Mängel aufwiesen.

          Schulungen für die Fahrer

          Die vielen Kontrollen in den vergangenen Jahren haben nach Walthers Erfahrungen Wirkung gezeigt: „Es ist europaweit besser geworden.“ Mit dazu beigetragen hätten die Schulungen, zu denen jeder Fahrer inzwischen verpflichtet sei: entweder jedes Jahr einmal sieben Stunden oder alle fünf Jahre 35 Stunden.

          Am Dienstagmorgen haben die Kontrolleure von Polizei, Zoll, Bundesamt für Güterverkehr, Verkehrsministerium und Regierungspräsidium in einer gemeinsamen Aktion am Tor Süd nicht nur überprüft, ob die Gefahrgüter sicher auf den Ladeflächen verstaut sind. Sie untersuchten auch den Zustand der Fahrzeuge, werteten die Fahrtenschreiber dahingehend aus, ob die vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten wurden. Außerdem überzeugten sie sich davon, dass die Fahrer nicht schwarz beschäftigt waren und ihre Ladung ordnungsgemäß verzollt war. Solche behördenübergreifende Kontrollen fänden, so hieß es von Mitarbeitern des Straßenverkehrsamts, in der Regel zwei Mal im Jahr im Frankfurter Stadtgebiet statt.

          Die Fässer mit ätzender Flüssigkeit auf diesem rumänischen Lastwagen sind nicht gut befestigt.

          Tatsächlich gibt es am Tor Süd des Industrieparks jeden Tag Kontrollen. Faktisch komme kein Lastwagen mit Gefahrgut unüberprüft auf das Gelände des Industrieparks, erzählt Marc Eggersdörfer. Er leitet im Auftrag des Standortbetreibers das Gefahrgut-Management, das die Überprüfungen vornimmt. Im vergangenen Jahr hätten er und seine Mitarbeiter etwa 42.000 Gefahrgut-Transporter kontrolliert: „Es kommen nur sichere Fahrzeuge in den Industriepark.“ Und, dies muss man hinzufügen: Es verlassen auch nur sichere Gefahrgut-Lastwagen das Gelände. Denn auch die ausfahrenden Transporter schauen sich Eggersdörfers Leute an.

          Immerhin bei etwa jedem zehnten Gefahrgut-Lastwagen, der Stückgut transportiert, gibt es Beanstandungen. Zuweilen sogar schwere: von der gebrochenen Bremsscheibe bis zur kaputten Achse. In diesen Fällen rufen Eggersdörfers Kontrolleure die Polizei, die auch schon mal einen Lastwagen aus dem Verkehr zieht.

          Fehlendes Personal

          Wegen des knüppelharten Wettbewerbs in der Logistikbranche sparen offenbar viele Unternehmen an der Sicherheit. Seit dem vergangenen Jahr nehme die Schwere der Mängel zu, berichtet jedenfalls Eggersdörfer. Der Kostendruck, unter denen die Logistiker stünden, sei hoch. Sogar renommierte Unternehmen beschäftigten Subunternehmer, die Aufträge wiederum auf weitere Subunternehmer weiterleiteten, so dass am Ende oft keiner mehr verantwortlich zu machen sei.

          Dazu komme das wachsende Problem des Fahrermangels. Keiner wolle mehr in diesem Beruf arbeiten, die Unternehmen würben deshalb Fahrer aus aller Herren Länder an. Weil viele kein Deutsch oder Englisch sprächen, kommunizierten er und seine Kontrolleure jetzt oft über Bilder. Sie zeigten einem Fahrer zum Beispiel das Foto eines Feuerlöschers, um ihn darauf hinzuweisen, dass ein solcher in seiner Ausrüstung fehle.

          Der Fahrer aus Spanien mit dem rumänischen Lastwagen und den schlecht gesicherten Fässern, beherrscht immerhin ein paar Brocken Deutsch. Sein Fahrzeug sei in Spanien von einem Kollegen beladen worden, jetzt müsse er die Geldstrafe zahlen: „Scheiße.“

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