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„Beeindruckende Leistung“ : Kommission lobt Promotionsrecht an Hochschulen

Promotionszentren wurden evaluiert: In Hessen können die früheren Fachhochschulen, wie zum Beispiel Rhein-Main, auf besonders forschungsstarken Gebieten Doktortitel vergeben. Bild: Marcus Kaufhold

In Hessen können die früheren Fachhochschulen auf besonders forschungsstarken Gebieten Doktortitel vergeben. Nach Ansicht einer wissenschaftlichen Kommission hat sich das Verfahren grundsätzlich bewährt. Einiges lasse sich aber noch verbessern.

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          Das Promotionsrecht für forschungsstarke Fachrichtungen an den hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften hat sich grundsätzlich bewährt. Zu diesem Schluss ist eine wissenschaftliche Kommission unter Vorsitz des Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner gekommen. Kleiner und die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Die Grünen) stellten den Evaluationsbericht am Montag vor. Mitglieder der Kommission waren außer Kleiner fünf weitere Professoren, drei von ihnen waren oder sind wie der Vorsitzende an einer Universität tätig.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Hessen dürfen die früheren Fachhochschulen Doktortitel in bestimmten Fachgebieten vergeben, sofern sie für diese eine besondere Forschungsstärke nachweisen. Diese wird unter anderem an Publikationen und Drittmitteln gemessen. Zusammengefasst werden die beteiligten Professuren in Promotionszentren, von denen es derzeit sieben gibt. Die Kommission hat jene begutachtet, die seit mindestens vier Jahren bestehen: die Zentren für Public Health und für Sozialwissenschaften an der Hochschule Fulda sowie jene für Soziale Arbeit (Federführung: Hochschule Rhein-Main) und Angewandte Informatik (Federführung: Hochschule Darmstadt).

          „Tragfähige Strukturen“

          Kleiner sagte, er und seine Kollegen hätten sich davon überzeugen können, dass in den Zentren „tragfähige Strukturen für die Betreuung qualitativ anspruchsvoller Promotionen“ aufgebaut worden seien, und dies in kürzester Zeit. „Das ist eine beachtliche Leistung.“ Die beteiligten Professoren hätten neben ihren Lehrverpflichtungen genug Zeit, um die Doktoranden angemessen zu betreuen, und durch das hessische Programm zur Schaffung eines größeren Mittelbaus gebe es auch ausreichend Stellen für Promovierende.

          Um sich ein Urteil zu bilden, hatte die Kommission die vier Promotionszentren jeweils einen Tag lang besichtigt, deren Selbstberichte ausgewertet und sich die bisher dort entstandenen Dissertationen angeschaut. Da zum Zeitpunkt der Evaluation im vergangenen Herbst und Winter erst zwölf Arbeiten abgeschlossen waren – zehn in der Sozialen Arbeit, zwei in der Angewandten Informatik – wurden auch Exposés und Zwischenberichte der Doktoranden in die Auswertung einbezogen. Es habe sich nicht um eine systematische Bewertung, sondern um eine „kursorische Sichtung“ gehandelt, heißt es im Bericht.

          Empfehlungen zur Weiterentwicklung

          Darin gibt die Kommission auch eine Reihe von Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Promotionsrechts und der Zentren. Insgesamt seien dort „noch nicht ausgeschöpfte Potentiale“ zu finden. Vor allem sollte man sich nach Ansicht der Gutachter mehr Gedanken über das wissenschaftliche Selbstverständnis, die Forschungsschwerpunkte und ihre Anwendungsorientierung machen. Was letzteres betreffe, sollte die Zusammenarbeit mit Akteuren in der Region verstärkt werden. Jedes Promotionszentrum müsse ein eigenes Forschungsprogramm entwickeln, das die Besonderheiten des Hochschultyps und das Forschungsprofil der Trägerhochschule widerspiegele. Ansonsten, so Kleiner, drohe die „Gefahr der Beliebigkeit“. Überhaupt seien für die Zentren spezifisch universitäre Leistungsindikatoren wie Publikationen und Drittmittel „noch zu sehr prägend“. Für jedes Zentrum solle ein wissenschaftlicher Beirat eingerichtet werden, dem nicht nur Forscher, sondern auch Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft angehören könnten.

          Das 2016 eingeführte und zunächst auf fünf Jahre begrenzte Promotionsrecht kann an den evaluierten Zentren nun entfristet werden, wie Dorn sagte. Die Kommission empfiehlt aber weiterhin regelmäßige Evaluationen durch unabhängige Experten, womit die Möglichkeit einhergehen müsse, das Privileg bei schlechten Ergebnissen wieder zu entziehen. Für die Begutachtungen wird ein Zeitabstand von sieben Jahren empfohlen, was etwa zwei Promotionszyklen entspreche.

          Frank Dievernich, Sprecher der hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften, sieht in dem Evaluationsbericht den Beweis dafür, dass diese Hochschulen „grundsätzlich in der Lage sind, auf hohem wissenschaftlichen Niveau zu promovieren“. Er sicherte zu, die Empfehlungen der Kommission in die Tat umzusetzen; wie das geschehen könne, werde man im Gespräch mit dem Ministerium klären.

          Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences, hob hervor, dass er und seine Kollegen nie für ein flächendeckendes Promotionsrecht eingetreten seien. Dieses müsse auf forschungsintensive Fachgebiete beschränkt bleiben. Er könne sich vorstellen, dass zusätzliche Promotionszentren etwa in den Ingenieur- und Gesundheitswissenschaften entstünden; insgesamt halte sich aber das Bestreben, weitere Einrichtungen dieser Art zu schaffen, „im Rahmen“.

          Laut Dorn sind an den hessischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften derzeit etwa 170 Doktoranden eingeschrieben. Aktuell gebe es 14 an den Zentren abgeschlossene Doktorarbeiten. Dievernich nannte als Beispiele für Themen, die bearbeitet werden, Maschinelles Lernen und künstliche Gesichtserkennung, aber auch Projekte zur Unterstützung der Demokratie im Mittleren Osten und die Anpassung des Stadtraums an eine alternde Gesellschaft.

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