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Kommentar zur Deutschen Börse : Schwarzer Peter in der Börse

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Das Angebot klingt verlockend. Was die Deutsche Börse gestern ins Gespräch gebracht hat, ist die ganz große Umarmung derer, die in den vergangenen Monaten beständig und immer lauter ihre Bedenken zur geplanten Fusion mit New York geäußert haben.

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          Das Angebot klingt verlockend. Was die Deutsche Börse gestern ins Gespräch gebracht hat, ist die ganz große Umarmung derer, die in den vergangenen Monaten beständig und immer lauter ihre Bedenken zur geplanten Fusion mit New York geäußert haben. Kündigungsschutz, Investitionen in Millionenhöhe, eine weitere Zentralabteilung für Eschborn - das alles klingt nicht nach der Degradierung Frankfurts zur Filiale der Wall Street. Was wollen die Kritiker denn noch?

          Eben darin dürfte das Kalkül liegen. Die Fusion ist so gut wie tot. Kaum jemand glaubt mehr daran, dass Vorstandschef Reto Francioni das Ruder noch einmal herumreißen kann, da der zuständige Wettbewerbskommissar das Vorhaben auch nach mehrmaligem Nachbessern noch ablehnt. Doch die Fusionswilligen kämpfen weiter. Mit allen Mitteln des Lobbyismus versuchen sie derzeit, die 26 EU-Kommissare und den Kommissionspräsidenten, die Anfang Februar über das Vorhaben entscheiden sollen, auf ihre Seite zu ziehen.

          Dass die Schlacht am Ende in Europa geschlagen wird, haben die Börsenbetreiber dies- und jenseits des Atlantiks lange unterschätzt. Viel früher und viel umfassender als die hiesigen Behörden war von Anfang an die amerikanische Aufsicht SEC in den Prozess eingebunden. Die große Machtfülle, die künftig die New Yorker im Konzern hätten, deuten viele als Kaufpreis für das politische Okay in Amerika. In Brüssel und Wiesbaden stehen die Ampeln nun auch zwei Wochen vor Ablaufen der schon mehrfach verlängerten Prüfungsfrist noch auf Rot. Hier wie dort muss die politische Landschaftspflege nun mit großer Hektik nachgeholt werden.

          Das Standortsicherungs-Paket, das die Börse nun in der Staatskanzlei abgegeben hat, ist in dieser Hinsicht eine Meisterleistung. Wenn die Betriebsräte sich auf die Detailverhandlungen eingelassen hätten, wäre man sicher nicht bis zum 1.Februar zu einem Ergebnis gekommen. Indem sie sich solchen Gespräche auf die Schnelle jetzt ganz verschließen, handeln sie sich den Schwarzen Peter ein. Denn wenn jetzt vor dem drohenden Stellenabbau und dem Bedeutungsverlust Frankfurts gewarnt wird, kann die Börse stets sagen: Wir wollten das ja absichern, aber der Betriebsrat hat sich verweigert.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

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