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Frankfurter Bahnhofsviertel : Gut gemeint ist nicht gut

  • -Aktualisiert am

Sichtbares Elend: Das Verteilen von Essen an Obdachlose hat wenige positive Auswirkungen. Bild: dpa

Während der Corona-Krise haben viele Menschen im Frankfurter Bahnhofsviertel auf eigene Faust Obdachlose unterstützt. Doch damit unterwanderten sie das Netz der Hilfsorganisationen. Das hat die Probleme im Viertel nur verschärft.

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          Viele Menschen wollten helfen, als sie während der Corona-Krise von den Nöten der Ärmsten erfuhren. Hilfseinrichtungen mussten plötzlich ihr Angebot verknappen, und ohne Rückzugsort war das Elend auf der Straße sichtbarer als zuvor. Ehrenamtliche engagierten sich bei den Tafeln, fuhren Lunchpakete aus und sammelten Spenden. Das war gut. Doch zu viele stellten sich auch auf eigene Faust ins Bahnhofsviertel, verteilten Brötchen oder selbstgekochte Suppen. Das war gut gemeint. Aber „gut gemeint“ ist das Gegenteil von „gut“.

          Frankfurt hat ein feingliedriges System von Hilfsangeboten und Einrichtungen, die Bedürftige unterstützen: Da ist die Wohnungslosenhilfe, da sind Treffpunkte für Frauen, für Schwangere, Beratungsstellen für Männer, Waschsalons, die Straßenambulanz und Institutionen wie der Franziskustreff, der geregelt Speisen ausgibt. An diesen Organisationen vorbei Essen zu verteilen hat die Probleme im Bahnhofsviertel verschärft.

          Die Verelendung des Menschen

          Fachleute sagen, dass es aus sozialpädagogischer Perspektive eine schlechte Idee ist, Essen zu den Menschen auf der Straße zu bringen. Erstens verstärke es das Lagern an einem Ort – wem zehnmal am Tag Nahrung gebracht wird, der kann sich in einen Hauseingang zurückziehen und dort ausharren. Das führt zur Verelendung der Menschen: Sie liegen in eigenen Exkrementen und Ungeziefer, suchen keine Anlaufstellen mehr auf, wo Wunden oder Krankheiten behandelt werden können. Ärzte berichten, dass der medizinische Zustand vieler Menschen auf den Straßen jämmerlich sei: offene Beine, eiternde Wunden, psychotische Schübe.

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          Zweitens nimmt es den Menschen den letzten Rest an Selbstfürsorge. Wer obdachlos ist oder wegen seines Drogenkonsums den Großteil der Zeit auf der Straße verbringt, ist doch kein Zootier, das von gutmeinenden Leuten gefüttert werden sollte. Der kurze Weg zum Kontaktcafé, sich in eine Schlange stellen, sich mit anderen austauschen, dort die Toiletten benutzen – all das fällt weg. Das führt, drittens, zu Müll- und Fäkalienproblemen. Dass die Stadt hierfür keine schnellen Lösungen findet, kommt erschwerend hinzu.

          Wer helfen will, muss sich also absprechen. Denn es streichelt nur das eigene Gewissen oder das Ego, als Einzelkämpfer Speisen auf der Straße zu verteilen. Darum ist es wichtig, dass die bestehenden Hilfsangebote publik gemacht werden, dass Leute, die Hilfe brauchen, wissen, wohin sie gehen können und sich dort auch an grundlegende gesellschaftliche Konventionen, etwa in Sachen Hygiene, halten können. Bescheid zu wissen, wo das geht, ist essentiell. Auch für Bürger, die Elend sehen und nicht wegschauen wollen.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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