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Abschied eines Amtsleiters : Eine peinliche Posse

Frankfurts Allerheiligstes: 2023 feiert die Paulskirche ihr 175. Jubiläum. Bild: dpa

Wie soll man die Paulskirche adäquat nutzen? Darüber ist in Frankfurt ein Streit entbrannt. Es geht um die Würde des Ortes – und um Machtspiele.

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          Die Wahl des Ortes, an dem etwas gefeiert oder verkündet wird, ist nicht trivial. Erst der passende Rahmen gibt einem Anlass seine Bedeutung. Die Ergebnisse der Koalitionsklausur werden im Magistratssitzungssaal verkündet, das Programm des Weihnachtsmarkts in dessen Vorraum. Und um eine fachliche Neuerung bekanntzumachen, genügt der Konferenzraum des Dezernats. Auch unter den feierlichen Lokalitäten der Stadt gibt es eine Rangordnung. Die Wahlhelfer werden im Stadthaus geehrt. Im Limpurgsaal oder im Kaisersaal werden Bundesverdienstkreuze und Goethe-Plaketten verliehen und besonders prominente Geburtstagskinder empfangen.

          Nur ganz selten bittet die Stadt in ihr Allerheiligstes: Die Paulskirche steht Friedenspreisträgern des Deutschen Buchhandels und Gewinnern des Paul-Ehrlich-Preises offen. Die Wahl des Ortes ist eine Frage der Würde und auch der Etikette: Wer als Gast zu einer Veranstaltung in die Paulskirche eingeladen wird, zieht sich den schwarzen Anzug an, bindet sich mitunter sogar eine Krawatte um und macht den Rücken gerade.

          Steife Kleiderordnung

          Gegen eine zu steife Kleiderordnung lässt sich einwenden, dass sie auch Hemmschwellen aufbaut. Aber den unverkrampften Zugang zu demokratischen Institutionen erleichtert man nicht dadurch, dass man einen zweitrangigen Anlass künstlich mit Bedeutung auflädt, indem man ihn in die Paulskirche verlegt. Wer protokollarische Regeln missachtet, entwertet und entweiht den Ort. Es ist erstaunlich und vielsagend, dass der Oberbürgermeister selbst diese Kategorien über den Haufen wirft. Er will heute in der Paulskirche einen Amtsleiter verabschieden, der nur zweieinhalb Jahre an der Spitze einer Behörde stand und die Stadt im Streit verlässt. Die Abschiedsfeier steht unter dem Motto "Musik und Architektur". Feldmanns Argument, dass wegen der Abstandsregeln der Kaisersaal zu klein sei, ist lächerlich. Man könnte die Zahl der Gäste reduzieren oder in einen anderen Raum ausweichen. Dafür hätte jeder in Krisenzeiten Verständnis.

          Für Feldmann muss es aus einem anderen Grund die Paulskirche sein: Er will seinem Kontrahenten, dem Baudezernenten und CDU-Vorsitzenden Jan Schneider, mit dem sich der Amtsleiter zerstritten hatte, eins auswischen. Mit der Verlegung der Feier in die Paulskirche suggeriert Feldmann, dass hier jemand gehen muss, der allerhöchste Verdienste erworben hat. Dabei kann Feldmann dessen Arbeit gar nicht beurteilen. Mit seinem Verhalten brüskiert er andere Amtsleiter, die seit Jahrzehnten der Stadt dienen und sich mit einer bescheidenen Feierstunde im Amt begnügen.

          Feldmann will Schneider, der als zuständiger Dezernent nicht einmal eingeladen wurde, einen Nadelstich versetzen. Er instrumentalisiert eine Personalangelegenheit für seine politischen Zwecke. Der scheidende Amtsleiter kann einem leid tun, dass er vom Stadtoberhaupt für eine unwürdige Posse missbraucht wird. Zwar ist das Amt für die Sanierung der Paulskirche zuständig. Aber die Flughöhe ist trotzdem nicht angemessen.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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