https://www.faz.net/-gzg-9ydzf

Feiertage in der Krise : Österliche Erwartung

Während Ostereier mit Abstand gesucht werden können, sind Gottesdienste in Hessen während der Corona-Pandemie verboten (Symbolbild). Bild: dpa

Traditionen geben Halt und Orientierung. Doch in der Corona-Krise müssen wir selbst beim Eiersuchen auf Distanz gehen. Die Livestream-Angebote spenden nur wenig Trost.

          1 Min.

          Der berühmteste Osterspaziergänger der Weltliteratur fasst, nachdem er beinahe freiwillig aus dem Leben geschieden wäre, neuen Mut, als er zusammen mit vielen anderen vor die Tore der Stadt zieht. Goethe lässt die Hauptfigur seiner Tragödie erleichtert ausrufen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Heinrich Faust freut sich über den Trubel, das Gewimmel, die aufgekratzte Stimmung der Menge, die wiedererwachte Natur, die sich nicht nur im frischen Grün, sondern auch im Balzverhalten bestens gelaunter junger Leute offenbart.

          Zuvor hatten den notorischen Stubenhocker schon die läutenden Glocken daran erinnert, dass es noch etwas anderes gibt, als einsam vor sich hin zu grübeln. Dabei ist er gar nicht gläubig, doch er rückt plötzlich wieder in ein Überlieferungsgeschehen ein, das Halt und Orientierung selbst jenen gibt, die sich weit von der Religion entfernt haben. In eine Tradition, deren Rituale dem Leben Form geben. Konventionen haben etwas Beruhigendes und Erhebendes, der Wechsel von Alltag und Festen prägt das Zeitempfinden. Sich als Teil einer größeren Gemeinschaft zu fühlen gehört offenbar zumindest temporär zu den menschlichen Grundbedürfnissen: An Weihnachten und Ostern werden viele zu Gelegenheits-Christen, die sonst gut ohne Kirche auskommen.

          Fortgeschrittene Entsinnlichung

          Gläubige jedoch werden besonders vermissen, was derzeit nicht möglich ist: in der Gemeinde nach- und mitzuerleben, was den Kern des österlichen Heilgeschehens ausmacht, nämlich die Überwindung des Todes. Um Werden und Vergehen ging es schon bei den heidnischen Frühlingsfesten, von denen sich manche Bräuche erhielten. Aber selbst beim Eiersuchen müssen wir dieses Jahr auf Distanz gehen.

          Nun sollen die Frankfurter auch das Große Stadtgeläut statt draußen in Gesellschaft drinnen allein oder im Kreis der mittlerweile allzu vertrauten Haushaltsgenossen vor den digitalen Geräten erleben. Eine Übertragung davon ist gewiss besser als nichts. Wer aber noch in der Lage ist, Schein und Sein zu unterscheiden, wird trotz des Trostes, den alle möglichen Livestream-Angebote gegenwärtig spenden, einen Mangel empfinden. Die Entsinnlichung ist ohnehin schon weit vorangeschritten. Entweder die reale, soziale, kulturelle Welt verflüchtigt sich nach der Krise noch mehr in den Cyberspace. Oder sie feiert, und das wäre eine Oster-Hoffnung, jubelnd ihre Auferstehung mit leibhaftigen Menschen und Ereignissen, die sie einander näherbringen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Lambada im Erdbeerfeld

          Selbst pflücken : Lambada im Erdbeerfeld

          Nur die Schönen kommen in die Schale, aber bitte nicht zu dekorativ: Geht es gut, wenn eine ungelernte Kraft beim Pflücken mitmacht?

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.