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Kommentar : Für Prostitution nicht werben

Das Bahnhofsviertel zieht Szenegänger und Kreative an. Elend und Gewalt durch Drogen und Prostitution sind aber auch Teil der Realität.

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          Das trendigste Viertel in Frankfurt? Das mit dem rauhesten Charme, das am wenigsten polierte? Wer solche Fragen stellt, Einheimischen, Auswärtigen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Antwort bekommen: das Bahnhofsviertel. Das Areal, das jahrzehntelang, heruntergekommen, verdreckt und gefährlich, den Ruf Frankfurts negativ prägte, hat in jüngerer Vergangenheit eine Metamorphose nicht nur seines Images erlebt.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kreative haben Büros eröffnet. Szene-Gastronomen haben Bars aufgemacht, dieser Tage wird eine neue Diskothek fertig. Man kann im Bahnhofsviertel ausgehen und mehr besuchen als Peepshows und Animierlokale. Das klingt nach Verbesserung, nach Gentrifizierung ohne den negativen Subtext, der dem Begriff sonst anhaftet. Ist es da nicht folgerichtig, dass die Stadt mit dem Charme des Bahnhofsviertels wirbt? Dass sie jedes Jahr zu einer Bahnhofsviertelnacht einlädt, die der Oberbürgermeister eröffnet? Und ist es nicht erst recht richtig, dass es endlich einen Bahnhofsviertel-Führer gibt, einen Wegweiser, der durch dieses scheinbar so coole Stück Frankfurt lotst?

          Prostitution ist kein Gewerbe wie jedes andere

          Richtig ist, dass sich für das Bahnhofsviertel heute auch Leute interessieren, die das früher nicht getan hätten. Dass dort schöne Altbauten mit großzügigen Wohnungen stehen, von denen viele noch bezahlbar sind, und dass die Kiez-Atmosphäre, in der auch die einen Platz finden, die ihn sonst nicht so leicht bekommen, sich aus eigener Kraft erhält.

          Wahr ist aber auch, dass das Bahnhofsviertel ein Areal ist, in dem Elend und Gewalt herrschen, mit einer harten, neuerdings wieder wachsenden Drogenszene, Dealern und mit Hunderten Frauen, die in Bordellen arbeiten. Unter den Bordellbesitzern mögen Leute sein, die als anständige Geschäftsmänner durchgehen, unter den Prostituierten auch freie Frauen, die ihr Geld halt damit verdienen, ihren Körper zu verkaufen.

          Prostitution braucht man nicht zu verteufeln. Ihre ausbeuterischen Strukturen muss man aber im Blick behalten, alles andere ist scheinheilig. Denn auch wenn vor allem Männer das gerne so sehen wollen, dieses Gewerbe ist keines wie jedes andere. Mit städtischen Mitteln für die Prostitution zu werben, indem außer Stripclubs in einer Touristen-Broschüre auch Bordelle mit ihren Besonderheiten genannt werden, ist überflüssig und hat einen unschönen Beigeschmack. Ein paar Adressen weniger hätten dem Flyer nicht geschadet.

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