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Kommentar : Ein Verlust

Der kleine Unterschied zählt: Am Frankfurter Uniklinikum wird künftig aller Voraussicht nach keine Sexualwissenschaft mehr betrieben, sondern Sexualmedizin.

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          Der kleine Unterschied zählt: Am Frankfurter Uniklinikum wird künftig aller Voraussicht nach keine Sexualwissenschaft mehr betrieben, sondern Sexualmedizin. Statt sich mit allen Aspekten des menschlichen Eros - psychologischen, kulturgeschichtlichen, medizinischen - zu befassen, wird der künftige Lehrstuhlinhaber in erster Linie sexuelle Störungen untersuchen und behandeln. Das ist eine wichtige Aufgabe, und insofern tun die Uni-Mediziner recht, für diesen Zweck eine eigene Professur einzurichten.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch die Verengung auf den pathologischen Aspekt bedeutet auch eine Verarmung der sexualwissenschaftlichen Forschung und Lehre in Frankfurt. Volkmar Sigusch, der scheidende Institutsdirektor, hat nie ausschließlich mit dem Blick des Arztes auf die Menschen geschaut, mit deren Triebleben er sich beschäftigte. Er ordnet Sexualität in gesellschaftliche Zusammenhänge ein und lenkt mit seiner Eloquenz viel Aufmerksamkeit auf ein „heikles“ Sujet. Das haben selbst jene anzuerkennen, die Siguschs Auffassungen im einzelnen nicht teilen.

          Akademische Vielfalt geht verloren

          Man muß auch kein Feind der Psychiatrie sein, um die Sorge des Professors zu verstehen, eine Zuordnung der sexualmedizinischen Ambulanz zu diesem Fachgebiet könne Ratsuchende abschrecken. Die Befürchtung, daß sie in Frankfurt künftig nach ähnlich starren Schemata behandelt werden wie Patienten mit Nierensteinen oder Blinddarmentzündung, mag übertrieben sein. Bestimmt aber wird es Menschen mit sexuellen Schwierigkeiten zusätzliche Überwindung kosten, ein Gebäude mit dem Türschild „Zentrum der Psychiatrie“ zu betreten.

          Und selbst wenn es Siguschs Nachfolger gelingt, diese Hemmschwelle abzubauen: Am Bedeutungsverlust des Lehrstuhls, der aus der eingeengten Widmung folgt, wird das nichts ändern. Daß die Gesellschaftswissenschaftler kein gesteigertes Interesse an einer Übernahme des Instituts gezeigt haben, ist aus finanzieller Sicht verständlich. Gleichwohl geht damit wieder ein Stück akademischer Vielfalt verloren. Dies ist der Preis, den die Universität für ihre konsequente Schwerpunkt-Politik zahlt: Mehr oder minder still stirbt manches kleine Fach, während für die Überlebenden auf dem Campus Westend vorbildliche Neubauten entstehen. So wie die Gelddinge liegen, ist das der einzig mögliche Weg. Aber manchmal schmerzt es schon, ihn zu gehen.

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