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Frankfurter Verkehrskonzept : Die Unmöglichkeit einer Insel

Wem gehört die Straße? Kreuzung Hansaallee/Miquelallee in Frankfurt. (Symbolbild) Bild: Helmut Fricke

In Hessen ist die Zahl der gemeldeten Kraftfahrzeuge höher denn je. Sollten die Frankfurter Regierungsparteien ihren Beschluss unter der Woche zugunsten des Radverkehrs überdenken?

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          Die Zahlen kommen zum rechten Zeitpunkt. Am Dienstag hat die Frankfurter Koalition von CDU, SPD und Grünen bekanntgegeben, auf zehn Hauptverkehrsstraßen deutlich mehr Raum für Radwege zu schaffen – zulasten der Spuren für Autofahrer. Und am Freitag wird bekannt, dass in Hessen mehr Kraftfahrzeuge gemeldet sind denn je.

          Wie alle Zahlen sind auch diese interpretationsbedürftig. Aber man wird davon ausgehen dürfen, dass die Investition in ein Auto in den meisten Fällen aus einer nüchternen Nutzenerwägung heraus geschieht: etwa, weil sich der lange Weg zur Arbeit nicht anders bewältigen lässt, weil der Halter aus gesundheitlichen Gründen nicht Fahrrad fahren kann, weil die Einkäufe zu schwer sind, um sie zu Fuß zu transportieren, oder weil die Tochter zum Tennisturnier nicht mit Bus und Bahn kommt. Und mancher nimmt bei Dunkelheit oder Regen einfach gern das Auto.

          An urbane Interessen ausgerichtet?

          Die neuen Zahlen sollten für die tonangebenden Parteien in Frankfurt Anlass sein, noch einmal innezuhalten. Sie sollten sich fragen, ob sie mit dem weitreichenden Beschluss zugunsten des Radverkehrs nicht zu schnell zu weit gehen. Und sie sollten prüfen, ob die Mahnungen aus der Wirtschaft, auch an die Interessen der Pendler, der Lieferanten und der Handwerker zu denken, nicht doch mehr sind als die übliche Lobbyistenklage.

          Vieles deutet darauf hin, dass CDU, SPD und Grüne die widerstreitenden Interessen nicht hinreichend abgewogen haben. Auch wenn die Parteien es abstreiten, wird immer deutlicher, dass sie ihre Politik vorrangig an den Interessen des urbanen Milieus ausrichten, das die innenstadtnahen Stadtteile bevölkert. Das zeigt die Karte mit den geplanten Radstrecken beinahe aufdringlich deutlich: Sie markieren den Kranz von Stadtteilen um die Innenstadt herum.

          Für die Parteien wird dieses gebildete und eloquente Milieu, zu dem viele Meinungsmacher in Medien und politiknahen Institutionen gehören, auch wegen seiner hohen Wahlbeteiligung immer wichtiger. Der Schock der Europawahlen hat diesen Effekt bei CDU und SPD noch verstärkt. Sie müssen aber für alle Bürger Politik machen und sind nicht dafür da, eine Insel der Glückseligen zu schaffen. So richtig es ist, die Verkehrswende einzuleiten, so wichtig ist es, sie sozial verträglich und wirtschaftlich vernünftig auszugestalten.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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