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Kohl auf der Buchmesse : Ich glaub’ nicht, dass der kommt, Gaby

  • -Aktualisiert am

Ein Freund der Buchmesse: Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl Bild: Frank Röth

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl äußert sich auf der Buchmesse zur Integrationsdebatte und zum diesjährigen Friedensnobelpreisträger.

          Die Frau im bunten Batik-Shirt schaut auf die Uhr. „Zehn Minuten geben wir ihm noch“, sagt sie zu ihrer Kollegin. Die beiden stehen in einem Pulk von Menschen, der den Gang C der Halle 3 der Frankfurter Messe blockiert. Die Menschen schauen gebannt auf die mit Spotlampen angeleuchteten Wände des Standes der Collection Rolf Heyne. Da ist er ja schon, Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), in achtunddreißigfacher Ausführung. Der Verlag hat einen zweiteiligen Bildband zum achtzigsten Geburtstag des Kanzlers herausgegeben. Auf dem einen Umschlag der junge Kohl am Telefon, wie er locker mit der Hand die Tischkante umfasst; auf dem anderen ein Porträt des älteren Mannes in Nahaufnahme.

          Um halb drei sollte Kohl aber auch leibhaftig hier erscheinen, um die erste Ausgabe der Sammleredition entgegenzunehmen – aber er kommt nicht. Die beiden Frauen geben auf: „So wichtig ist er mir auch wieder nicht.“ Die Lücke füllt sich schnell. Ein älterer Mann in Anzug schaut wieder und wieder auf die Uhr. Dann, nach weiteren zwanzig Minuten, ertönt ein Klatschen hinter der Standwand, ein Sicherheitsmann schiebt den Altkanzler im Rollstuhl auf das Podium. Die Kameras blitzen, einige klatschen. Der Moderator und Herausgeber des Bandes, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, überlässt die Fragen erst einmal den Journalisten. Ob Kohl enttäuscht sei, dass er den Friedensnobelpreis nicht erhalten habe? „Nein, ich bin gar nicht enttäuscht.“ Über den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo habe er zwar wenig gelesen, aber einem Menschen, der solche Erlebnisse hinter sich habe, müsse man mit viel Sympathie begegnen.

          „Wir werden unser Glück nur finden, wenn wir auch das Glück der anderen akzeptieren“

          Kohl spricht leise, so dass das Mikrofon seine Äußerungen nur schwach in die Menschentraube trägt, die noch dichter geworden ist. „Wer ist da? Helmut Kohl?“ Ein kleiner Junge bittet einen Fotografen, sich auf dessen Stuhl stellen zu dürfen. Auch der Mann im Anzug, der eben noch nervös auf die Uhr geschaut hat, zückt nun eine Kamera.

          Diekmann blättert im Buch und stellt Fragen zur Wiedervereinigung, zum Vertrauen in der Politik und zur gegenwärtigen Integrationsdebatte. Die könne er überhaupt nicht verstehen, sagt Kohl. „Wir werden unser Glück nur finden, wenn wir auch das Glück der anderen akzeptieren“, sagt er. Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, seiner Heimat treu zu bleiben: „Es würde mich freuen, wenn die Bücher ein bisschen helfen können, unsere Heimat besser zu verstehen.“ Kohls Antworten sind ausführlich. Seine Frau, Maike Kohl-Richter, sitzt neben ihm und liest ihm jedes Wort von den Lippen ab, selbst immer freundlich lächelnd. Sie schiebt das Mikrofon näher an seinen Mund, wenn seine Stimme während der langen Redephase undeutlicher wird, sie flüstert ihm Namen und auch einmal sein Alter zu. „Warum tut sich er sich das an?“ spricht der Mann im Anzug zu sich selbst, „er könnte doch jetzt im Garten sitzen.“ Aber Kohl hat laut Diekmann noch keine Buchmesse ausgelassen. Nach vierzig Minuten auf dem Podium entschwindet sein Tross in Richtung Ausgang. Doch nur eine halbe Stunde später herrscht eine Etage höher Aufregung. Hier präsentiert sich der Verlag Droemer Knaur, der Kohls „Erinnerungen“ verlegt hat.

          „Ich glaub’ nicht, dass der kommt, Gaby“, sagt eine Frau. „Als ich ihn zum letzten Mal im Fernsehen gesehen habe, ging’s ihm nicht so gut.“ Doch Kohl kommt, diesmal zu einem Gespräch mit dem ehemaligen Verteidigungminister Franz Josef Jung. Es gebe noch einiges nachzuholen an seinen Erinnerungen, sagt Kohl und kündigt gleich einen vierten Band seiner Memoiren an. Die Zukunft sieht er optimistisch: „Ich gehöre nicht zu denen, die Deutschland am Ende sehen. Wir sind ein großartiges Land mit einer guten Zukunft.“

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