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Knapp 600 Jahre alt : Wichtige Funde in Frankfurter Leonhardskirche

  • -Aktualisiert am

Die beiden Köpfe gehören zu einer Figurengruppe aus der Zeit um 1430, die vollständig erhalten ist. Gefunden wurden sie im südlichen Teil des Gotteshauses. Bild: Wonge Bergmann

Bei Ausgrabungen in der katholischen Kirche St. Leonhard in Frankfurt haben Archäologen Funde gemacht, die als sensationell gelten können. Unter anderem wurden zwar zerbrochene, aber vollständig erhaltene Figurengruppe aus der Zeit um 1430 gefunden.

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          Bei Ausgrabungen in der katholischen Kirche St. Leonhard in Frankfurt haben Archäologen Funde gemacht, die als sensationell gelten können. So ist man unter der nördlichen Seitenapsis des zwischen Römer und Main gelegenen Gotteshauses in zwei Metern Tiefe auf ein Stück des romanischen Vorgängerbaus gestoßen und hat dort außerdem Bauteile eines weiteren, noch älteren Baus entdeckt. Außerdem wurde in der südlichen, zum Main hin gelegenen Seitenapsis eine zwar zerbrochene, aber vollständig erhaltene Figurengruppe aus der Zeit um 1430 gefunden.

          Andrea Hampel, die Leiterin des städtischen Denkmalamts, stellte die Entdeckungen gestern gemeinsam mit Kirchendezernent Uwe Becker und Planungsdezernent Edwin Schwarz (beide CDU) vor. Die Stadt ist für den Bauunterhalt der Kirche zuständig.

          Drei klagende Menschen

          Der freigelegten Vorgängerbau befindet sich deutlich tiefer unter dem heutigen Bodenniveau als bisher angenommen. Es wurden wertvolle Säulenkapitelle und Reste eines Altars freigelegt. Hampel ist der Meinung, dass es sich um eine Jakobskapelle gehandelt hat, eine Kapelle für Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus. Hinter dem Altar haben sie und ihre Mitarbeiter Reste der typischen Pilgerabzeichen in Form von Jakobsmuscheln entdeckt.

          Die Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert stellt drei klagende Menschen dar, vielleicht gehörten sie zu einer Darstellung des Grabes Jesu. Sie sind 60 Zentimeter groß und noch bemalt – auch wenn die Farben blass sind. Gefunden wurden sie in der südlichen Seitenapsis, die mit Schutt aufgefüllt war. Hampel sagte, die handwerkliche Ausführung der Figurengruppe „ist von absolut herausragender Qualität“. Nicht ausgeschlossen ist, dass bei den ausstehenden Arbeiten weitere Funde ähnlicher Güte gemacht werden können.

          Bodenniveau soll gesenkt werden

          Im Jahr 1219 hatte Kaiser Friedrich II. der Bürgerschaft den Bauplatz für die Kirche geschenkt. 1259 ist zum ersten Mal von einem an der Kirche tätigen Priester die Rede. 1323 – die Kirche war mittlerweile eine Stiftskirche geworden – kamen die Geistlichen in den Besitz einer Reliquie des heiligen Leonhard, die Kirche trug dann seinen Namen. Ursprünglich war sie der Gottesmutter und dem heiligen Georg geweiht. Anfang des 15. Jahrhunderts begann man mit dem gotischen Ausbau der dreischiffigen romanischen Basilika, 1434 wurde der Chorraum geweiht. Schon vor der Säkularisation im Jahr 1803, der Enteignung der Kirche durch den Staat, hatte die Kirche seit 1794 als Lager gedient. Von 1809 bis 1813 wurde sie als Pfarrkirche wiederhergerichtet. Dazu wurde das Fundament mit Schutt aufgefüllt, zum Schutz gegen Hochwasser.

          Nun ist geplant, das gesamte Bodenniveau im Inneren der Kirche um 40 bis 90 Zentimeter zu senken, je nach dem Gefälle des Bodens. So kommt man auf das Niveau, das die Kirche um 1530 hatte. Damit werden auch Säulen, etwa die des am Eingang gelegenen Engelbertportals aus der Zeit um 1220, wieder ganz sichtbar. Das Gleiche gilt für Malereien im Chorraum – auch sie sind durch den derzeitigen Boden teilweise verdeckt: Stehende Figuren machen den Eindruck, als knieten sie. Am Portal und im Chorraum gibt es an zwei Stellen schon Grabungen, die den Boden aus dem 16. Jahrhundert zeigen.

          Die Stadt hat bereits drei Millionen Euro in die Außensanierung der Kirche investiert

          Ursprünglich war geplant, den Boden im Zuge der Innensanierung der Kirche und des Einbaus einer Fußbodenheizung nur um 30 Zentimeter abzusenken, um die Sockel der Säulen sichtbar zu machen. Nun solle mit der noch tieferen Absenkung auf ein historisch gesichertes Niveau Geschichte sichtbar gemacht werden, hob Becker hervor. „Der Kirchenraum bekommt seine ursprüngliche Anmutung“, fügte Hampel hinzu. Für diese Arbeiten muss die Kirche für sechs bis neun Monate geschlossen werden – vermutlich vom Spätsommer oder Herbst 2010 an.

          Hampel und ihre Mitarbeiter sind im südlichen Turm der Kirche außerdem auf Hinweise gestoßen, dass sich dort von 1393 bis 1585 eine kleine Bibliothek befunden haben muss. In dem Turm sind noch Reste von Malereien erhalten. Einer der Räume ist mit schön gearbeiteten gotischen Bodenfliesen ausgelegt. Nach den Funden steht für Schwarz fest: „Die Kirche wurde bisher deutlich unter ihrem Wert eingestuft.“ Bisher gibt es Hampel zufolge keine archäologische Untersuchung über die Kirche, ebenso wenig eine bauhistorische Studie aus neuerer Zeit.

          Durch die Senkung des Fußbodens auf das Niveau von 1530 wird die Innensanierung um 470.000 Euro teurer als zunächst geplant, wie Kirchendezernent Becker sagte, der auch Kämmerer ist. Ursprünglich hatte die Stadt 6,5 Millionen Euro dafür ausgeben wollen. Von 2005 bis 2008 hatte die Stadt bereits drei Millionen Euro in die Außensanierung der Kirche investiert, die nach der Justinuskirche in Höchst das zweitälteste Gotteshaus Frankfurts ist. Die Baugeschichte der Justinuskirche reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück.

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