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Klimastreik in Frankfurt : „Die Normalität ist pervers“

Bild: FAZ.NET

Fridays for Future will sich breiter aufstellen: Mit anderen Gruppen demonstrieren die Klimaschützer nun als „intersektionales Bündnis“ gegen Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus und Sexismus.

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          Erst einmal sind die Verhaltensregeln klarzustellen: „Keine Drogen, kein Alkohol, keine Parteiflaggen“, ruft ein Redner, der auf der Ladefläche eines Lastwagens steht. Kein Alkohol und keine Drogen, weil ihr Genuss die Einhaltung der Corona-Regeln gefährden würde, keine Parteiflaggen, weil man sich nicht vereinnahmen lasse. Außerdem, warnt der junge Mann: „Keine Gewalt, keine Diskriminierung“, wobei das Letztgenannte sich ja von selbst verstehe. Schließlich geht man genau deshalb auf die Straße: um die Gesellschaft von Diskriminierung in jeglicher Form zu befreien.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist Freitagmittag um kurz nach zwölf, als der Redner die Kundgebung mit seinem kurzen Ermahnungskatalog eröffnet. Vor dem Lastwagen auf dem Römerberg haben sich rund sechshundert Menschen versammelt, viele Jugendliche sind darunter, aber auch Familien und Senioren. Fast alle tragen Masken, die meisten halten Abstand und verteilen sich so über einen Großteil des Platzes. An der Hauptwache und auf dem Opernplatz bietet sich zur selben Zeit ein ähnliches Bild, wenn auch mit weniger Abstand.

          Anlass für die drei parallelen Kundgebungen ist der „Globale Klimastreiktag“, mit dem Fridays for Future nach einer von Corona erzwungenen Unterbrechung weltweit wieder öffentlich Präsenz zeigen will. Der Schutz vor Infektionen ist auch der Grund, weshalb sich die Aktivisten an drei Orten versammeln. Anschließend laufen sie getrennt zum Main, um dort von der Alten Brücke und der Ignatz-Bubis-Brücke ihre Banner herunterzulassen.

          „Wir haben keine Zeit für irgendwann“

          Auf dem Römerberg sieht auf den ersten Blick alles aus wie bei den Klimastreiks vor Corona: „Save the Planet“ hat ein Jugendlicher auf eine Pappe geschrieben, „Klimaschutz first“ steht auf dem Plakat, das zwei Frauen mittleren Alters mitgebracht haben, und ein Mädchen, das bei einer Pfadfindergruppe steht, mahnt auf ihrem Schild: „Wir haben keine Zeit für irgendwann“. Und doch ist etwas anders als noch vor einem Jahr, als Schüler, inspiriert vom schwedischen Vorbild Greta Thunberg, freitags die Schule schwänzten und für Klimaschutz demonstrierten.

          Bannerträger: Nach den Kundgebungen ziehen die Demonstranten auf die Alte Brücke in Frankfurt.
          Bannerträger: Nach den Kundgebungen ziehen die Demonstranten auf die Alte Brücke in Frankfurt. : Bild: Lucas Bäuml

          Die Frankfurter Gruppe von Fridays for Future will sich jetzt breiter und grundlegender aufstellen und hat sich hierfür mit den Gruppen Black Power Frankfurt, Migrantifa Hessen, Frauen*streik und Be Heard zu einem „intersektionalen Bündnis“ zusammengeschlossen. Eine Rednerin von Fridays for Future erklärt, was „Intersektionalität“ bedeute: Man könne die Klimakrise nicht getrennt von anderen Problemen betrachten: Rassismus, Sexismus, Militarismus und Leugnung des Klimawandels seien eng verbunden – etwa in Person des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro.

          Aber auch in Deutschland und Europa hingen Themen wie der auf 2038 verlagerte Kohleausstieg, Polizeigewalt, Drohungen unter dem Stichwort „NSU 2.0“, das Lager in Moria und der Sexismus auf Youtube miteinander zusammen. Auch nach Corona könne es keine Rückkehr zur Normalität geben, denn: „Die Normalität ist pervers.“ Die Wurzel aller Probleme sei das kapitalistische System, das auf den maximalen Profit für wenige statt auf ein würdiges Leben für alle ausgelegt sei.

          Als Nächste spricht eine Rednerin der Gruppe Migrantifa, die sich nach den Morden von Hanau gebildet hat. Zuwanderer würden unterjocht und ausgebeutet, sagt sie. Als Beispiel führt sie die Fleischindustrie und die Landwirtschaft an, die einen „rassifizierten Kapitalismus“ praktizierten. Eine Rednerin von Black Power sieht den Kolonialismus und Imperialismus als Ursprung des Übels. Der globale Norden habe sich jahrhundertelang durch Raub und Massenmord am Süden bereichert. Heute werde die Ausbeutung von Mensch und Umwelt durch eine neokoloniale Weltordnung fortgesetzt.

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