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Klima : „Wir brauchen einen verregneten Mai“

Vor allem die Zuckerrüben leiden unter der Witterung Bild: F.A.Z. - Bischof

Der April 2007 geht in die Annalen der Meteorologie ein. Derart warm, trocken und sonnig ist es in Hessen - wie in ganz Deutschland - zu dieser Jahreszeit noch nie gewesen. Hessens Bauern fürchten wegen der langer Dürre um die Erträge.

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          Bernd Weber telefoniert praktisch den ganzen Tag. Und allen seinen Gesprächspartnern sagt er das gleiche: „Wir brauchen einen verregneten Mai.“ Auf diese knappe Formel bringt der Sprecher des hessischen Bauernverbands die Lage im Land. Vier Wochen praktisch ohne Niederschlag haben die Stimmung der Bauernschaft auf den Nullpunkt sinken lassen.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Unsere Leute werden langsam unruhig“, sagt Weber. Wenn es in den nächsten Wochen nicht mehrmals in der Woche ergiebig regne und das Feuchtigkeitsdefizit ausgeglichen werde, müssten die hessischen Landwirte mit erheblichen Ernteeinbußen rechnen.

          Für Zuckerrüben und Mais wird es kritisch

          Bei der Beurteilung der ungewöhnlichen Trockenheit der vergangenen Wochen müsse man allerdings differenzieren, so Weber. Während Raps und Wintergetreide gut dastünden, weil sie seit der Aussaat im Herbst viel Wasser bekommen und inzwischen lange Wurzeln ausgebildet hätten, „wird es für Sommergetreide und vor allem Zuckerrüben und Mais langsam kritisch“. Diese Feldfrüchte seien im Laufe des März oder erst vor kurzem ausgesät worden, und nun hingen die zarten Pflänzchen mit ihren kurzen Wurzeln „ohne Wasseranschluss“ in den völlig ausgetrockneten oberen Bodenschichten.

          Der Winterweizen hält der langen Trockenheit noch verhältnismäßig gut standhält

          „Jetzt ist die Hauptwachstumszeit, die brauchen jeden Tropfen Wasser“, sagt Weber, weist aber auch darauf hin, dass es erhebliche regionale Unterschiede gebe. In der Wetterau mit ihren dicken, fruchtbaren Lößböden zum Beispiel werde das Wasser gut gespeichert, dort wirke sich die Trockenheit nicht so schnell aus. In den Mittelgebirgslagen von Taunus und Odenwald mit den mageren Böden und im Hessischen Ried mit seinen Sandböden führe der fehlende Regen viel direkter zu Ausfällen; einige Flächen seien dort schon sichtbar geschädigt.

          Im hessischen Landwirtschaftsministerium hält sich angesichts solcher Meldungen die Aufregung zwar noch in Grenzen (Ja, man habe schon von ersten Problemen gehört, heißt es in Wiesbaden), und auch die Gärtner im Land bleiben vorerst gelassen („Die Devise heißt: Gießen, gießen, gießen“, sagt Thomas Heiland vom hessischen Gärtnereiverband). Dass die Witterung der vergangenen Wochen ausgesprochen ungewöhnlich ist, lässt sich aber schon daran ablesen, dass seit dem 13. April Waldbrandalarmstufe 1 in Hessen gilt – für diese Jahreszeit eine Seltenheit. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach, der sich an das internationale, fünfstufige Modell zur Waldbrandwarnung hält, belegt ganz Hessen seit Tagen mit Stufe 4, was einer hohen Waldbrandgefahr entspricht.

          Temperatur liegt 3,4 Grad über dem Durchschnitt

          So geht der April 2007 noch vor seinem Ende in die Annalen der Meteorologie ein. Derart warm, trocken und sonnig ist es in Hessen – wie in ganz Deutschland – zu dieser Jahreszeit noch nie gewesen; zumindest nicht in den vergangenen knapp 60 Jahren. Mit einer bisherigen Durchschnittstemperatur von 10,9 Grad liegt der Monat in Hessen 3,4 Grad über dem langjährigen Mittelwert von 7,5 Grad. Und folgt man den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes für die nächsten Tage, dann dürfte der Abstand zwischen dem Soll- und dem Ist-Wert noch größer werden.

          Mindestens bis Anfang nächster Woche erwarten die Meteorologen weiter sommerliche Temperaturen zwischen 25 und 29 Grad. „Am Ende landen wir wohl so bei 11,2 oder 11,3 Grad“, schätzt Wetterdienstler Reik Schaab. Der bisherige April-Spitzenwert aus dem Jahr 1993 (10,8 Grad) ist schon jetzt Geschichte.

          Doch wie die Landwirte schauen die Meteorologen momentan weniger auf die Temperaturen als auf den Niederschlag: Denn während es in der Vergangenheit durchaus schon Jahre gegeben hat, in denen es im Frühling ähnlich warm war wie diesmal – ein April praktisch ohne Niederschlag ist in Hessen ein Novum. 1,2 Millimeter Regen wurden im Landesdurchschnitt bisher gemessen – eine meteorologische Negativ-Sensation angesichts eines April-Normalwertes von 58,8 Millimetern. Und ein Blick auf einzelne Wetterstationen zeigt, dass vielerorts nicht einmal diese geringe Menge registriert wurde: In Gießen, Bad Nauheim und Schafheim bei Babenhausen blieben die Messbehälter gänzlich trocken, in Frankfurt, Dillenburg und Schotten wurden 0,1 Millimeter gemessen. Der bisher trockenste April in Hessen seit mehr als hundert Jahren (15,8 Millimeter im Jahr 1996) erscheint dagegen fast verregnet. (Siehe Seite 52.)

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