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Klettern mit dem Alpenverein : Auch Rollstuhlfahrer bezwingen die Wand

  • -Aktualisiert am

Seilpartner: Kinder, die nicht allein aufsteigen können, werden von Betreuern begleitet. Bild: Wonge Bergmann

Der Deutsche Alpenverein bietet Klettertraining für behinderte Kinder an. Sie entdecken dabei ungeahnte Kräfte - und neue Motivation und Entwicklungsmöglichkeiten.

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          Lisa hat die ganze Nacht schlecht geschlafen. „Ich war so aufgeregt, habe mir lauter Klettervideos auf Youtube angeschaut“, sagt die Vierzehnjährige. Sie ist mit neun Klassenkameraden der Viktor-Frankl-Förderschule an diesem Vormittag in das Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins (DAV) an der Homburger Landstraße gekommen. Lisa ist ein großes, kräftiges Mädchen mit Zöpfen und einer Zahnspange. Außerdem hat sie eine starke einseitige Sehbehinderung, aber auch kognitive und psychosoziale Entwicklungsverzögerungen. Als Kindergartenkind ist sie schon einmal geklettert, jetzt will sie es wieder versuchen.

          Zuerst muss der passende Gurt gefunden und umgelegt werden. Dann machen alle Kinder und Trainer zusammen leichte Aufwärmgymnastik. Schließlich geht es los. Lisa geht mit Klettertrainer Ekki an die hohe, bunte Kletterwand, die Seile werden eingehängt. Die ersten Klettergriffe nimmt Lisa noch mutig in Angriff, doch nach etwa drei Metern schaut sie unsicher hinunter. „Du schaffst das“, ermuntert Ekki sie, „versuch mal den roten Griff da.“ Lisa zögert, ein Fuß rutscht ab. „Okay“, sagt der Trainer ruhig, „dann lass dich erst mal fallen.“ Lisa schaut ihn erschrocken an. Dass sie tatsächlich fest im Gurt sitzen und langsam an der Wand hinuntergehen kann, ist für sie erst einmal unglaublich. „Ich hatte ganz schön Angst“, sagt sie später. Doch da hat sie es im zweiten Anlauf schon geschafft – bis ganz nach oben an der rund sechs Meter hohen Kletterwand. Und wieder herunter. „Hast du gesehen?“, fragt sie juchzend jeden Klassenkameraden, jeden Erwachsenen. „Hast du gesehen? Ich war ganz oben.“

          Weitergemacht, durchgeatmet und sich hochgezogen

          Lisa konnte allein klettern, am Seil gesichert. Klassenkameraden von ihr werden von einem oder zwei Betreuern rechts und links an der Wand begleitet. Sie sitzen sonst im Rollstuhl oder können nur wenig laufen. Doch klettern, das können sie. „Wer krabbeln kann, kann auch klettern“, hat eine Physiotherapeutin vor vielen Jahren einmal zu Monika Gruber gesagt. Gruber ließ das nicht los: 2010 begann die zierliche Rentnerin im Frankfurter DAV mit ihrem „Klettherapie“-Kurs. Der ist nicht zu verwechseln mit einer Klettertherapie, die vom Arzt verschrieben und in physiotherapeutischen Praxen angeboten wird. „Wir bieten therapieergänzendes Klettertraining an, sind eine Gruppe von erfahrenen Kletterern, Therapeuten und Trainern“, erläutert Gruber. In den Wintermonaten gibt es mehrwöchige Gruppenkurse, in den Sommermonaten gibt es betreutes Training für Erwachsene und Gruppenangebote für soziale Einrichtungen.

          Die Erfahrung habe gezeigt, dass das Klettern besonders Menschen, die schon verschiedene Therapien durchlaufen hätten, neue Motivation und Entwicklungsmöglichkeiten biete, sagt Gruber. „Und vor allem haben sie Spaß dabei.“ Die vielfältigen Freudenrufe der Viktor-Frankl-Schüler geben ihr recht. „Für die Kinder ist das ein einmaliges Erlebnis“, sagt Natalia Barthel, eine von zwei Klassenlehrern der Gruppe. „Es ist sehr gut gemacht, mit zum Teil mehreren Betreuern an der Wand. Und es gibt den Kindern ein gutes Körpergefühl.“ Wer es bis nach oben geschafft hat, kommt stolz und glücklich wieder unten an.

          „Da auf der Hälfte, da wollte ich eigentlich nicht mehr“, erzählt Fatima, die mit einem offenen Rücken auf die Welt gekommen und im täglichen Leben auf einen Rollstuhl angewiesen ist. „Ich hatte schon Angst.“ Doch dann hat sie weitergemacht, durchgeatmet, Fuß für Fuß auf einen der Klettergriffe gestellt, sich hochgezogen. „Ich war wie berauscht“, erzählt sie und lacht. „Es fühlte sich so gut an, auch in den Beinen.“ Die tragen das aufgeweckte Mädchen mit dem roten Haar sonst nur für wenige Schritte. Jetzt sitzt sie leicht verschwitzt wieder in ihrem Stuhl und trinkt einen Schluck. Fatima sagt: „Hätte ich nie gedacht, dass das geht. Dass ich das kann.“

          „Nicht nur für einen Tag, sondern über einen längeren Zeitraum“

          Schon seit einigen Jahren wird Klettern als Therapie gegen motorische und koordinative Störungen, aber auch in der Psycho- und Verhaltenstherapie eingesetzt. Physio- und Ergotherapeuten machen eine Zusatzausbildung und bauen Kletterwände in ihre Praxen. Motorik, Körpergefühl und Selbstbewusstsein werden geschult und verbessert, Ängste überwunden, Grenzerfahrungen erlebt und verarbeitet. Monika Grubers „Klettherapie“ ist ein Zusatzangebot, das die leidenschaftliche Kletterin zusammen mit Wolfram Bleul und zwei Physiotherapeutinnen zu einem eigenständigen Programm ausgebaut hat.

          Möglich gemacht wurde der Ausflug der Viktor-Frankl-Schule durch das Projekt „Gemeinsam unterwegs“ der Malteser in Frankfurt. Ehrenamtliche Helfer bringen Unternehmen mit sozialen Einrichtungen zusammen und organisieren gemeinsame Ausflüge. „Das sind Firmen, die sich sozial engagieren wollen“, erläutert Regina Eyring von den Maltesern. „Nicht nur für einen Tag, sondern über einen längeren Zeitraum.“ Die Malteser vermitteln die Kooperationen, organisieren und begleiten mindestens zwei Jahre lang gemeinsame Aktionen. „Die Menschen in den Einrichtungen bestimmen die Ausflugsinhalte, die Partnerunternehmen tragen die Kosten, ihre Mitarbeiter engagieren sich als Begleiter“, sagt Eyring.

          Kooperationspartner der Viktor-Frankl-Förderschule ist das Kosmetikunternehmen Cosnova aus Sulzbach. Schon seit vier Jahren begleiten junge Mitarbeiterinnen diese Klasse, heute sind acht von ihnen mitgekommen. Sie reichen den Kindern Getränke an, sitzen in den Kletterpausen mit ihnen zusammen und unterhalten sich. Bis einer wieder an die bunte Wand will. „Haste gesehen? Ich war dreimal ganz oben!“, ruft Sascha, der eine halbseitige Parese, also nur eine voll entwickelte aktive Körperhälfte hat. Eine der Frauen klatscht ihn ab. „Ich war das erste Mal oben“, erzählt der vierzehnjährige Marlon langsam. „Ganz schön anstrengend. Aber ich will auch noch mal die rote Route bis ganz hoch.“ Etwas später steht er strahlend oben und winkt.

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