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Brennpunkt Hauptbahnhof : Klassische Musik gegen Drogenkonsum

Kein Allheilmittel: Trotz Alkoholverbots wird rund um den Hauptbahnhof auch öffentlich getrunken. Bild: Imago

Die Drogenszene spielt am Hamburger Hauptbahnhof keine Rolle mehr - anders als in Frankfurt. Die Stadt setzt auf Sauberkeit, Licht und Rauchverbot auf dem Bahnhofsvorplatz.

          Fünfzehn Jahre liegt es zurück, dass der Hamburger Hauptbahnhof deutschlandweit ähnlich traurige Berühmtheit erlangte wie jetzt der Frankfurter. Die Drogenszene schien nicht mehr beherrschbar, der Bahnhof verwahrloste und wurde deshalb sogar Mittelpunkt des damaligen Bürgerschaftswahlkampfes, der Hamburg dann tatsächlich verändern sollte. Der rot-grüne Senat im Rathaus ahnte, dass er deswegen die Wahl verlieren könnte. Olaf Scholz, heute der SPD-Bürgermeister, wurde für ein paar Monate Innensenator, um zu retten, was politisch noch zu retten war.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vergeblich. Die Partei Rechtsstaatliche Offensive, eine Antwort der Bürger unter anderem auf die Zustände am Bahnhof, kam auf 19 Prozent. Ronald Schill, seinerzeit bekannt als „Richter Gnadenlos“, wurde Innensenator und Ole von Beust (CDU) Bürgermeister, weil es ihm gelang, eine Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP zu schmieden - die dann freilich nicht lange hielt. Vier Jahrzehnte ununterbrochene SPD-Herrschaft waren jedenfalls vorüber. Die Hamburger SPD reagiert seitdem hochsensibel, wenn es um die innere Sicherheit in der Stadt geht.

          Die Drogenszene ist völlig verschwunden

          Seit 2001 haben sich die Verhältnisse am Hauptbahnhof grundlegend verbessert, auch wenn bis heute immer wieder die Verwahrlosung beklagt wird. Heute arbeiten Innen- und Sozialbehörde, das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte, Bahn, Bundespolizei, Polizei und Stadtreinigung eng zusammen. Regelmäßig gibt es Treffen, um jeder Form der Verwahrlosung möglichst sofort entgegenzutreten. Bundes- und Landespolizei gehen gemeinsam auf Streife. Überhaupt ist die Polizei immer präsent. Abschrecken sollte auch die klassische Musik, die über Lautsprecher auf den beiden Bahnhofsvorplätzen erklingt. Dort darf auch nicht mehr geraucht und Alkohol getrunken werden.

          Allerdings wird das Verbot oft genug missachtet, meist von größeren Gruppen, die es sich auf den Plätzen bequem machen. Mehr Pissoirs wurden aufgestellt, die Stadtreinigung kommt häufiger. Die Drogenszene immerhin ist völlig verschwunden. Zum einen wurde sie in nahe gelegene Stadtviertel verdrängt, zum anderen aber hat die Sozialeinrichtung „Drob Inn“ geholfen, des Problems Herr zu werden. „Drob Inn“ gibt es seit 1997 in Hamburg, hier können neben Angeboten für Aufklärung und Lebenshilfe auch unter Aufsicht Drogen gesetzt werden. Damals war das eine Revolution im Umgang mit Drogensüchtigen, weil es in der Hilfe nun nicht mehr ausschließlich um Entzug ging.

          Die Probleme des Hauptbahnhofs sind heute eher der Schmutz sowie die Bettler, Trinker und Pöbler. Falko Droßmann (SPD), seit dem Frühjahr Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, lud vor ein paar Tagen zur Bahnhofsbegehung ein, weil er selbst mit der Situation nicht zufrieden ist. Seitdem wurden viele kleine Maßnahmen in Angriff genommen: neue und größere Müllbehälter, neue Fahrradständer, mehr Licht. Hier wurde eine Mauer abgerissen, dort eine hässliche Fläche mit Graffiti verschönt. Und drei Dutzend Schrotträder wurden entsorgt. Die Stadtreinigung kommt jetzt achtmal statt wie bisher fünfmal am Tag. Am Ende seines Rundgangs sagte Droßmann einen beinahe klassisch zu nennenden Satz: „Der Hauptbahnhof ist nicht Bad Pyrmont, aber er soll auch kein Angst- und Ekelraum sein.“

          Brennpunkt Hauptbahnhof: Wie andere Städte auf Drogenkriminalität und andere Missstände reagieren.

          Ständige Polizeipräsenz, Alkoholverbote, klassische Musik: An Hauptbahnhöfen anderer deutscher Großstädte gibt es ebenfalls Probleme mit der Drogenszene, aber zumeist sind Stadt, Polizei und Justiz schon weiter als in Frankfurt, was passende Lösungen angeht. In der Regel hat vor allem Druck der Ordnungsbehörden einen Wandel erzeugt. So groß wie in Frankfurt sind die Missstände jedenfalls nirgendwo. F.A.Z.-Korrespondenten berichten über die Zustände in München, Hannover, Hamburg und Köln.

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