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Klassentreffen : Wiedersehen der Musterschüler

  • -Aktualisiert am

Der Abiturjahrgang von 1960 trifft sich wieder. Bild: Helmut Fricke

1960 haben sie Abitur gemacht. 50 Jahre danach kommen sie zum Klassentreffen zusammen. 14 Schüler — und ein alter Lehrer.

          Klaus Peter Müller konnte die Klingel bis in sein Zimmer hören. Er wohnte so nah an der Musterschule, dass er immer erst nach dem ersten Schellen aus dem Haus zu gehen brauchte, dann kam er immer noch pünktlich zum Unterricht. Auf den Tag genau 50 Jahre nach seiner letzten Abiturprüfung steht der heute 70 Jahre alte Herr wieder auf dem Hof. Er betrachtet die Mauer, über die er immer in den Hof geklettert ist. Sein Elternhaus kann man nicht mehr sehen, der Blick wird von einem modernen Mehrfamilienhaus versperrt, das auf das Nachbargrundstück gebaut worden ist.

          Neben Müller stehen seine alten Schulkameraden: Gottfried Schmitt, den alle nur Gottschmitt nennen, Klaus von Freyhold, Wolfgang Schwieder. Und Peter Mihm, Müllers bester Freund, der das Treffen organisiert hat. 14 von 23 Abiturienten des Jahrgangs 1960 sind seiner Einladung zum Fünfzig-Jahre-Jubiläum gefolgt. Neugierig laufen die Männer über den Sportplatz und betrachten die Neubauten der Schule. Es hat sich viel verändert. Mädchen dürfen jetzt die Musterschule besuchen. „Das hätten wir auch gut gefunden“, sagt Mihm.

          Viele haben sich lange nicht gesehen

          Die Führung durch die Schule leitet Direktor Stefan Langsdorf, der Nach-Nach-Nachfolger des Mannes, der den Primanern damals das Abiturzeugnis überreicht hat. Langsdorf nimmt sich Zeit und gibt sich Mühe, erklärt die Neuerungen, zeigt stolz die Bibliothek. Aber es ist im Grunde genau wie früher oder genau wie an jedem Tag für den Direktor: Alle schnattern durcheinander, Langsdorf muss die Stimme erheben und wirkt bisweilen etwas angestrengt von den Gästen, die mit siebzig alle älter sind als er selbst, Respektspersonen, die sich lieber unterhalten wollen, als sich auf seinen Vortrag zu konzentrieren, und die er nicht mal eben um Ruhe bitten kann.

          Viele haben sich lange nicht gesehen. Als Gerhard Heck auf die Gruppe trifft, lachen alle: „Den erkennt man ja sofort wieder! Unser Schönster!“ Heck ist auch mit 70 noch ein gutaussehender Mann, er lächelt fast durchgängig und kommt die vielen Treppen in der Schule locker hoch. Gottschmitt erscheint mit einem lila Samtjackett und einer leicht getönten Brille, wie Franz Beckenbauer. Von ihnen allen habe wahrscheinlich Gottschmitt die größte Karriere gehabt, sagt Mihm. Ein hohes Tier war der bei Procter & Gamble, jetzt ist er Winzer in der Toskana, Tausende Liter Wein, viele Tonnen Oliven produziert er jedes Jahr, die Wohnung in London hat er vor einer Weile aufgegeben.

          Die Jungs sind rumgekommen

          Herrn Zoubek, seinen alten Klassenlehrer, erkennt Gottschmitt zunächst nicht. Er streckt die Hand aus und sagt: „Gottfried Schmitt.“ Herr Zoubek lächelt: „Walter Zoubek.“ Gottschmitt fällt aus allen Wolken. „Herr Zoubek!“ Walter Zoubek ist der heimliche Stargast der Veranstaltung. Der 82 Jahre alte Herr ist erstaunlich rüstig, und jetzt, ein halbes Jahrhundert nach dem Auseinandergehen, fällt der Altersunterschied zwischen ihm und seinen früheren Schülern auch nicht mehr so stark auf. Alle freuen sich, dass er da ist. Die Schüler mochten Zoubek. „Dass der so jung war, war unser Glück“, sagt Heck über den Lehrer. „Das war eine tolle Klasse“, sagt Zoubek über die Schüler.

          Während des Gangs durch die Schule bilden sich kleine Gruppen. Manche haben sich sehr lange nicht gesehen. Andere sind immer in Kontakt geblieben. Mihm und Müller sind beste Freunde, Freyhold und Schwieder auch, obwohl sie zum Teil weit fortgezogen sind von Frankfurt. Berlin, Spanien, Tansania, Kuweit, diese Männer, alles Frankfurter Jungs, die das Kriegsende in der zerstörten Stadt noch erlebt haben, sind rumgekommen.

          50 Jahre in fünf Minuten

          Wenn einer eine Anekdote hat von früher, hebt er die Stimme. Dann bleiben die alten Klassenkameraden stehen und hören zu, mit einem Lächeln auf den Lippen. „Wie hieß denn der noch mal . . .? Plettner! Plettner hieß er!“ Der Chemielehrer. Über den Deutschlehrer: „,Unzensierbare, schwülstige, blasentreibende Phantasie‘, hat der kommentiert — dabei war der Aufsatz von Hans Carossa abgeschrieben!“

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