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Kenia : Während des Hilfseinsatzes bleibt die Praxis zu

Bild: F.A.Z.

Mit Familie und eigener Praxis in Deutschland ist die Viernheimer Gynäkologin Stefanie Bussen eigentlich ausgelastet. Sie nimmt sich trotzdem Zeit, Menschen in Nairobi zu helfen, die sich normalerweise keinen Arzt leisten können - ein Projekt der Hilfsorganisation Cargo Human Care.

          Eine Viertelstunde, mehr Zeit gibt sich Stefanie Bussen nicht, um zu prüfen, was in der neuen Medizinstation am „Mothers' Mercy“-Aids-Waisenhaus in Nairobi vorhanden ist und was nicht. Einen Gynäkologenstuhl gibt es, Desinfektionslösung ist angesetzt, Einweghandschuhe und Instrumente liegen bereit, das Computerprogramm für die Patientendokumentation ist ihr ebenso vertraut, nur das Ultraschallgerät ist nun doch noch nicht angekommen. Ärgerlich. Egal, das Wartezimmer ist voll. Es ist kurz nach 8 Uhr, als Schwester Roseangela Kuria die erste Patientin zu der Frauenärztin aus dem hessischen Viernheim bringt.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Gynäkologin und Notfallmedizinerin, für die das nicht der erste Hilfseinsatz in Afrika ist, stellt sich mit einem freundlichen Lächeln kurz vor und fragt dann einfühlsam, aber ohne Umschweife nach den Beschwerden. Es ist offenbar diese freundliche Bestimmtheit, die die Frauen ihre Scheu rasch verlieren und freimütig auch über heikle Sorgen berichten lässt. Da ist beispielsweise die Frau, die gerne ein Kind hätte, aber nicht schwanger wird. Bussen gibt vorsichtig zu bedenken, dass das Problem auch beim Mann liegen könne. Nein, das sei wohl eher bei ihr zu suchen, entgegnet die Frau bestimmt. Denn als ihr erster Mann sie verlassen habe, weil sie eben nicht schwanger geworden sei, habe sie das mit etlichen weiteren Männern ausprobiert, immer ohne Erfolg, berichtet die Mittdreißigerin mit robuster Offenheit. Angesichts der konsequenten Vorgehensweise schmunzelt auch die Viernheimer Ärztin, selbst Mutter einer kleinen Tochter, muss der Frau dann aber erklären, dass möglicherweise kein medizinischer Notfall vorliege. Und nur dann würde der Trägerverein der Medizinstation unter Umständen die Kosten tragen.

          Lufthansa Cargo unterstützt das Projekt

          Wie Bussen später erläutert, hat sich Cargo Human Care, die von Piloten der Lufthansa Cargo gegründete Hilfsorganisation, die die Medizinstation und das angrenzende Aids-Waisenhaus mit Hilfe der Leser dieser Zeitung neu gebaut hat, dazu entschlossen, nur in Notfällen und bei Bedürftigkeit die Kosten für Operationen zu übernehmen. Alles andere würde das Budget des Vereins in kürzester Zeit überfordern. Die Medizinstation und die angeschlossene Apotheke sind von Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr geöffnet, die Medikamente liefert ein Großhandel aus Nairobi. Die Station ist auch in der Zeit zwischen den Besuchen der deutschen Ärzte geöffnet, damit Wunden desinfiziert, Verbände gewechselt und Medikamente ausgegeben werden können. Dann trägt „Senior nurse“ Nelly Munyasia die Verantwortung.

          Flug einer  Lufthansa Cargo MD11 von Nairobi nach Frankfurt

          Dass eine Ärztin und Mutter mit eigener Praxis, verheiratet mit einem Arzt, der ebenfalls eine eigene Praxis betreibt, es überhaupt schafft, auch noch ehrenamtlich in Afrika zu arbeiten, geht nur deshalb, weil die Lufthansa Cargo das Projekt unterstützt. Die Piloten nehmen die Ärzte unentgeltlich auf den Kuriersitzen der Frachtmaschinen von Frankfurt mit nach Nairobi und sammeln sie einige Tage später auf dem Rückweg von Johannesburg sozusagen wieder dort ein. Wochenlange Hilfseinsätze, wie sie bei anderen Hilfsorganisationen üblich sind, wären für Bussen heute kaum mehr möglich.

          Ein Nachtflug über Afrika erfordert höchste Aufmerksamkeit

          Da gerade das Geschäft mit der Luftfracht unter der Wirtschaftskrise leidet und deshalb die Zahl der Flüge aus Kostengründen reduziert wurde, ist es im Moment allerdings auch schwieriger geworden, die Freizeitlücken der Ärzte mit dem Flugplan in Übereinstimmung und die Helfer zu ihren Patienten zu bringen. Viele der Piloten tun das mit Freude, wie Captain Sven Gertz und sein Copilot Mirko Imhof versichern. Dabei ist der Flug nach Nairobi, der gegen zwei Uhr in der Nacht Frankfurt verlässt, eine auch für erfahrene Piloten durchaus anspruchsvolle Aufgabe. Denn der Nachtflug über Afrika erfordert von dem Duo im Cockpit höchste Aufmerksamkeit über etliche Stunden hinweg, weil es dort - anders als etwa in Europa - keine flächendeckende Überwachung des Flugverkehrs gibt, aber etliche Fluggesellschaften, deren Maschinen wegen ihres technischen Zustands in Europa niemals landen oder abheben dürften.

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