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Karstadt schließt an der Zeil : Abschied nach einem Jahrhundert

Mit der Straßenbahn zu Hertie: Die Zeil vor dem Beginn der Bauarbeiten für den U- und S-Bahn-Tunnel Bild: Picture-Alliance

Nach mehr als 100 Jahren ist Schluss: Die Karstadt-Schließung beendet die Warenhaus-Geschichte in Frankfurt. Während die Erinnerung bleibt, gehen viele Arbeitsplätze damit verloren.

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          2006 wurde noch einmal gefeiert. Für einige Tage konnten die Besucher des Karstadt-Hauses an der Zeil sogar einen Luxus längst vergangener Tage genießen: Es gab noch einmal Fahrstuhlführer wie einst, sogar im schwarzen Anzug und mit goldener Krawatte. Schließlich beging der Essener Kaufhauskonzern den 125. Jahrestag seiner Gründung. Und die Zukunft schien bestens. Ernsthaft war nach der Jahrtausendwende davon die Rede, das riesige Haus mit seinen 34.000 Quadratmetern Verkaufsfläche solle zu einem zweiten KaDeWe werden.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Nun kommt es anders. Was nach der Fusion von Kaufhof und Karstadt in der Luft lag, soll Wirklichkeit werden: Das Karstadt-Haus an der Zeil wird geschlossen, hingegen bleibt der besser gelegene und dem Augenschein nach stärker frequentierte Kaufhof an der Hauptwache erhalten. Mehrere hundert Arbeitsplätze gehen damit verloren, zugleich endet aller Wahrscheinlichkeit nach die mehr als ein Jahrhundert währende Geschichte der Warenhäuser an diesem Standort an Frankfurts wichtigster Einkaufsstraße. Denn dass nach dem Ende von Karstadt an dieser Stelle wieder ein Kaufhaus einziehen könnte, ist kaum vorstellbar – welche Handelskette sollte es denn sein?

          Nichts war je von Dauer

          Dabei hatte alles so gut angefangen. Grand Bazar nannte sich das erste Warenhaus an diesem Ort, das die gleichnamige belgische Gesellschaft dort an der Ecke zur Brönnerstraße 1903 errichtet hatte. Aber davon wissen heute nur noch Historiker. Schon 1914 wurde daraus das Kaufhaus Hansa, und bei diesem Namen blieb es auch nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau danach, nun etwas weiter Richtung Konstablerwache. Obwohl das Unternehmen Hansa schon 1952 vom Hertie-Konzern übernommen worden war, flaggte der die Immobilie nach einem aufwendigen Umbau erst 1965 um, wie in dem von Helmut Nordmeyer herausgegebenen Bildband über die Zeil zu lesen ist. Damals kam auch das Parkhaus hinzu. An der Ecke zur Brönnerstraße Woolworth, rechts daneben Hertie: So kennen viele Bürger noch diesen Teil der Zeil.

          Große Zeit der Warenhäuser: Hertie im Jahr 1966 Bilderstrecke
          Karstadt in Frankfurt : Warenhaus-Geschichte

          Doch nichts an der Einkaufsstraße war je von Dauer. Sieben Jahre nach der Übernahme von Hertie durch Karstadt wurde auch das Kaufhaus an dieser Stelle im Jahr 2001 umbenannt, auch damals schon das Ende einer speziellen Frankfurter Geschichte, war doch Hertie unter den vier Kaufhaus-Ketten der Nachkriegszeit, zu denen auch noch Horten zählte, die aus der Mainmetropole und ihr Haus an der Zeil ihr Flaggschiff gewesen; immerhin waren die neuen Eigentümer so freundlich, die Umbenennung unter das Motto „Namen ändern sich – Werte bleiben“ zu stellen. Seit 2009 ist Woolworth in dem verschachtelten Baukomplex Geschichte, dort verkauft jetzt Primark. Dass in diesen Tagen die Kunden vor dem Billigheimer Schlange stehen, Karstadt hingegen schließen muss, wirft ein Schlaglicht auf den Wandel der Branche, der weitaus mehr umfasst als nur die Verschiebung von Marktanteilen ins Netz.

          „Straße der Versuchungen“

          Was bleibt, ist die Erinnerung an die große Zeit der Warenhäuser an diesem Standort, auch die Diskussion, ob nun der Kaufhof attraktiver sei oder das noch etwas größere Karstadt-Haus, ein klein bisschen eine Glaubensfrage wie die, ob man lieber Pepsi trinke oder Coca. Lange vorbei sind die Zeiten aufwendig gestalteter Schaufenster vor Weihnachten, der Modeschauen, sind auch die Verheißungen des Schlussverkaufs, als sich die Kundschaft an den Rollgittern drängelte.

          Wer an Karstadt hängt, allemal wer dort arbeitet, wird sich nicht dadurch trösten lassen, dass zwar die Unternehmen an der Zeil im ständigen Wandel begriffen sind, die Straße selbst aber bis dato als herausragender Standort des Einzelhandels überlebt hat. Von der „Straße der Versuchungen“ schrieb diese Zeitung 1950, von einem Barometer der Wirtschaft. Das ist sie tatsächlich immer noch – im Guten wie leider auch im Schlechten.

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