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Kaninchenplage : Huschen und Hoppeln in der Dämmerung

Acht auf einen Streich - acht der unzähligen Stadtkarnickel von Frankfurt Bild: Franz Bischof

Abends ist es am schlimmsten. Dann kommen sie aus den Löchern gekrochen. Genau 27 Stück hat die Beobachterin neulich auf nur einem von vielen Rasenstücken gezählt - und irgendwann die Füße in die Liege ihres Nachbarn geschoben, aus Sorge um ihre Zehen.

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          Abends ist es am schlimmsten. Dann kommen sie, dämmerungsaktiv, wie sie nun mal sind, alle aus den Löchern gekrochen. In der Friedberger Anlage – das ist der Grünstreifen, der zwischen Berger Straße und Hanauer Landstraße verläuft – sind es besonders viele. Genau 27 Stück hat die Beobachterin neulich, etwas angespannt in einem Liegestuhl der Lala-Mamoona-Bar sitzend, auf nur einem von vielen Rasenstücken gezählt – und irgendwann die Füße in die Liege ihres Nachbarn geschoben, aus Sorge um ihre Zehen. Die Wildkaninchen sind los, und täglich, so der Eindruck, werden es mehr.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Menschen, denen das Karnickel-Kuriosum – selbst Hunde bringen die Tiere beim Mümmeln kaum aus der Ruhe – zum ersten Mal auffällt, bleiben verwundert stehen und kommentieren den Gratiszoo entzückt: „Oh, schau mal, ganz viele Kaninchen! Der Kleine dahinten, wie putzig . . .“

          Grünflächenamt: „Es ist schon heftig“

          Wer indes Woche für Woche miterlebt, wie es immer voller wird im Gebüsch und auf dem Rasen und wie es noch abends im Dunkeln links und rechts neben dem Fahrrad huscht und hoppelt, kommt ins Grübeln: Wo kommen die alle her? Warum sind die nicht im Wald? Und warum, da es so viele sind, bricht kein sozialer Stress und folglich eine Seuche aus, so wie man es im Biologieunterricht gelernt und als kleines Kind auf dem Land erfahren hat? Kurzum: Geht das alles noch mit rechten Dingen zu?

          „Es ist schon heftig“, sagt der Leiter des Grünflächenamts, Stephan Heldmann. Nicht nur im Friedberger Grünstreifen, in der gesamten Wallanlage, vor allem aber im Ostpark seien die Kaninchen zugange. Die Gärtner klagten, berichtet Heldmann. „An bestimmten Stellen kriegen wir keine Neupflanzung mehr hoch.“ Ob Rasen oder Blumenbeet – das Erdreich sei durchzogen mit Kaninchenbauten. „Wie Schweizer Käse.“ Reinhard Divisch vom Frankfurter Forstbetrieb erklärt sich die Sache so: Die Menschen bauen immer mehr Häuser im Grünen. Die Grenzen verschieben sich, und so kommt es, dass etwa Füchse und Dachse Ausflüge in die Zivilisation unternehmen und sich zwischen Garagen, Mülltonnen und Gartenhäuschen mitunter recht wohl fühlen. Biologen sprechen dann von Kultur- oder Zivilisationsfolgern.

          Kaninchen waren laut Divisch jedoch schon viel früher da. Erschwerend kommt hinzu: Haben sie erst einmal ein Biotop wie die Wallanlage liebgewonnen, dann bleiben sie ihm auch treu. Und vermehren sich. Je nach Wetterlage werfen Kaninchen vier- bis fünfmal im Jahr. Macht bei einem Wurf von im Durchschnitt sechs bis acht Tieren bis zu 40 Jungkarnickel je Weibchen und Jahr. Da weiß man, wo der Hase herläuft.

          Bis Oktober ist Schonzeit

          Hohe Temperaturen sollen der Geburtenrate förderlich sein, wie man hört. Alles also ein Phänomen der Erderwärmung? Wer weiß. Tatsache ist: Den Kaninchen ist in der Stadt schwer beizukommen. Nur zwei Möglichkeiten kommen laut Grünflächenamt in Frage: Man kann sie mit Frettchen jagen oder mit dem Schießgewehr. Letzteres schließt Amtsleiter Heldmann jedoch aus. Bei der von ihm favorisierten Frettchen-Variante werden die Kaninchen von den Mardertieren aus ihren Bauten und in vorher ausgelegte Netze gescheucht. Einfach ist das nicht, wie Erfahrungen aus früheren Jahren zeigen. So eine Aktion will gut geplant sein, wie Heldmann weiß. „Da reicht es nicht aus, dass man sich ein, zwei Tage auf die Lauer legt.“ Oder, etwas vornehmer ausgedrückt: „Wir müssen sehen, wie wir bei Verhältnismäßigkeit der Mittel zum Ziel kommen.“

          Vorerst freilich können die Wildkaninchen den Frankfurter Sommer weitgehend ungestört genießen. Bis Oktober ist Schonzeit.

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