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Tödliche Attacke auf Jungen : „Sie können nichts für das, was passiert ist“

Viele Menschen trauerten in den Tagen nach dem Tod des Jungen an Gleis 7 und legten Blumen nieder. Bild: dpa

Am dritten Verhandlungstag sagt am Frankfurter Landgericht der Lokführer des ICEs aus, der das Kind erfasste. Die Richter verlesen die Vernehmung der Mutter, die Stunden nach dem Tod ihres Kindes ihre Erlebnisse schilderte.

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          Immer wieder versuchte die Vernehmungsbeamtin, die Mutter zu beruhigen. „Mein Kind“, sagte die Frau, außer sich vor Schock und Schmerz. „Was habe ich nur getan?“ Es war der 29. Juli 2019. Wenige Stunden vorher war die damals Neununddreißigjährige am Hauptbahnhof von einem Mann auf das Gleis vor einen einfahrenden ICE geschubst worden. Es dauerte eine Weile, bis sie herausfand, dass ihrem Sohn das gleiche geschehen war. Doch er konnte sich im Gegensatz zu ihr nicht mehr wegrollen. Der Junge, acht Jahre alt, starb an Ort und Stelle. „Sie trifft keinerlei Schuld“, sagte die Vernehmungsbeamtin zu ihr, als sie versuchte, ihre Erlebnisse zu schildern. „Sie können nichts dafür, was heute passiert ist.“

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch auch jetzt noch, ein Jahr und fast einen Monat später, ist die Mutter von Selbstvorwürfen geplagt. Es geht ihr so schlecht, dass sie nicht vernehmungsfähig ist – und schon gar nicht am Prozess gegen den Mann teilnehmen kann, der für den Tod ihres Kindes verantwortlich sein soll. Aus Respekt und Schutz für sie und den Vater, der jeden Verhandlungstag im Gericht dabei ist, spielen die Richter daher am Montag, dem dritten Verhandlungstag, auch nicht die Tonbandaufzeichnung ab, die es von der Vernehmung der Mutter gibt. Stattdessen lesen sie im Dialog vor, was vom Vernehmungsbeamten und ihr protokolliert ist. „Bitte bitte, versuchen Sie, den Mann festzuhalten, wer weiß, was er sonst noch macht“, sagt sie gegen Ende.

          Der Beschuldigte Habte A., 41 Jahre alt, Eritreer und seit Jahren anerkannter Flüchtling und Familienvater in der Schweiz, litt laut vorläufigem Gutachten während der Tat an einer schizophrenen Psychose in akuter Form. Neun Monate vor der Tat soll er begonnen haben, eine Stimme zu hören und sich verfolgt zu fühlen. So erzählte er es dem Psychiater, der ihn im Ermittlungsverfahren untersucht hat. Ein Polizist der Züricher Kantonspolizei, der am Montag vor Gericht als Zeuge aussagt, berichtet von einem Angriff A.s auf die Nachbarin wenige Tage vor der Tat am Hauptbahnhof. Sie scheint mit der Erkrankung in Zusammenhang zu stehen: Demnach bat A. die Frau um Geld und begann plötzlich, sie zu würgen und ihr mit einem Messer in der Hand zu drohen, er werde sie töten. Die Frau sagte später bei der Polizei, sie könne sich nicht vorstellen, was mit A. geschehen sei. Sie seien befreundet gewesen und er sei nie gewalttätig gewesen, auch nicht verbal. Niemals habe sie ihn ausrasten sehen. Andere Menschen aus A.s Umfeld gaben an, er sei stets freundlich und zuvorkommend gewesen.

          Wie in einer anderen Welt

          War A. also schon tagelang von einer immer schlimmer werdenden Erkrankung angetrieben? Wie viel von dem, was er tat, realisierte er oder tat er gar bewusst? Warum setzte er sich nach dem Angriff auf die Nachbarin über Basel nach Deutschland ab, sodass die Fahndung der Schweizer Polizei erfolglos blieb? Was ging in ihm vor, als er knapp vier Tage vor dem tödlichen Angriff auf den Jungen in Frankfurt ankam?

          Eines haben die vielen Aussagen der Augenzeugen gemeinsam, die vor Gericht befragt werden: Sie schildern den ungewöhnlichen Blick des Beschuldigten. Wie in einer anderen Welt, leer, verwirrt, desorientiert, starr, emotionslos – all das sind Begriffe, die genannt werden. Am Montag sprechen, wie schon zuletzt, mehrere Zeugen davon, wie A. mit Anlauf und Wucht auf seine Opfer zugerannt sei. Der Lokführer des ICEs beschreibt, wie sich der Mann, der zuvor etwas abseits gestanden habe, mit ausgebreiteten Armen in die am Gleis wartende Menge gestürzt habe, als wolle er so viele Menschen wie möglich vor den Zug schubsen.

          Da war der ICE schon so nah, dass die Notbremsung nicht mehr half. Acht Meter pro Sekunde fuhr der Zug vorschriftsmäßig. Der Vater will vom Lokführer wissen, ob er nicht hätte langsamer fahren können, vielleicht hätte jemand dann seinen Sohn noch retten können. Der Lokführer sagt: „Selbst wenn ich Schritttempo gefahren wäre – es hätte nichts mehr gebracht.“

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