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Jüdisches Leben : Wiederkehr ins verfluchte Land

Auf dem Sprung: Talmudschüler vor der Westend-Synagoge in Frankfurt Bild: Rafael Herlich

Raphael Herlich fotografiert seit 20 Jahren das wahre jüdische Leben in Deutschland. Er zeigt Menschen, die sich nicht auf die Opferrolle reduzieren lassen. So fröhlich, so selbstbewusst wie in seinem neuen Buch, so intim hat man die Juden Deutschlands noch nie gesehen.

          So fröhlich, so selbstbewusst, so intim hat man die Juden Deutschlands noch nie gesehen wie in dem neuen Fotoband „Weiterleben – Weitergeben“. Vor der Westend-Synagoge springen acht junge Männer aus der Talmudschule voller Übermut in die Luft. Ehrfürchtig staunend blicken Schüler zu einem bärtigen Weisen hinunter, der eine Mesusa beschriftet, eine Kapsel, wie sie an den Türen von Juden hängt. Neugierig schauen die Familienangehörigen im Wohnzimmer zu, wie der Mohel den neugeborenen Knaben beschneidet.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es gibt nur einen Mann in Deutschland, dessen Archive die Bilder für einen solchen Band haben liefern können. Rafael Herlich, der Fotograf, der seit zwei Jahrzehnten das „jüdische Leben in Deutschland“ dokumentiert. So lautete auch der Untertitel des im Wiener Böhlau-Verlag erschienenen Werks, zu dem der Erfurter Professor Doron Kiesel ein kluges Vorwort geschrieben hat. Hätte man vor sechzig Jahren einem hiesigen Juden dieses Buch gezeigt, er hätte es für ganz und gar unmöglich gehalten, dass die dort abgedruckten Aufnahmen allesamt in Deutschland entstanden sind.

          Juden jeden Alters mit Transparenten

          Fröhliche jüdische Schulkinder im Pausenhof der Lichtigfeldschule; selbstbewusste Juden jeden Alters mit Transparenten, die vor der Alten Oper auf die Bedrohung Israels durch Iran hinweisen; weise Rabbiner, die auf einer Konferenz in Frankfurt über die letzten Dinge sprechen: Das war nach dem Krieg nicht vorstellbar. Jene Juden, die den Holocaust überlebt und – meist aus Osteuropa kommend – als „Displaced Persons“ in Frankfurt und anderen deutschen Großstädten gestrandet waren, wollten nichts wie weg aus dem Land der Mörder.

          Jene, die es aus irgendwelchen Gründen nicht schafften, nach Israel, Amerika oder in ein anderes Land auszureisen, saßen während der folgenden Jahre oder gar Jahrzehnte geistig auf gepackten Koffern. Sie fühlten sich alle irgendwie schuldig, dass sie in einem Land lebten, das sechs Millionen ihrer Glaubensbrüder ausgerottet hatte. In der jüdischen Welt waren sie nicht selten heftigen Anfeindungen ausgesetzt, weil sie Deutschland noch nicht den Rücken gekehrt hatten.

          Viele Facetten der jüdischen Gemeinschaft

          Dies alles ist längst Vergangenheit. Die jüdische Gemeinschaft hat sich wieder fest verwurzelt in diesem Land. Ein anderer 9. November ist für das Aufblühen jüdischen Lebens ein Schlüsseldatum, der 9. November 1989. Nachdem die Mauer und der Eiserne Vorhang gefallen waren, kamen Juden als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den Ländern Mittel- und Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Aus einer verschwindend geringen Minderheit von nicht einmal 20.000 Juden wurde so eine zwar immer noch kleine, aber mit 110.000 Menschen im öffentlichen Leben wahrnehmbare Gruppe, die nicht mehr mangels genügend Mitgliedern zu verschwinden droht. Dieses, überhaupt die Wiederkehr von Juden in das scheinbar verfluchte Land, ist auch ein deutsches Wunder.

          Raphael Herlich zeigt die moderne jüdische Gemeinschaft in ihren vielen Facetten, wie sie noch kein anderer in Bildern eingefangen hat. Wer hat schon einmal einen jüdischen Bundeswehrsoldaten beim Gebet gesehen? Wer eine Schar von Sechsjährigen, die voller Eifer am Gründungstag Israels die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausblasen? Wer die Segnung des Schabbat unter Beteiligung von drei Generationen? Viele der Aufgenommenen zeigen ein ganz besonderes Lächeln, das einem zu sagen scheint: „Schau her, wir fühlen uns wohl hier.“

          150.000 Juden unter 81 Millionen Einwohnern

          Herlichs jüdische Protagonisten sind nicht auf die Rolle des Opfers reduziert. Und selbst, wenn sie einmal Opfer waren, wie jene Frau, die gerade gefillten Fisch vorbereitet, wird sie von der Kamera nicht mitleidig betrachtet. Wichtig ist auf diesem Bild die Zubereitung einer jüdischen Spezialität, nicht die nur bei genauem Hinsehen zu erkennende KZ-Tätowierung am linken Arm.

          Etwa 81 Millionen Menschen leben in Deutschland. 110.000, vielleicht 150.000 davon sind jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens. Vermutlich hat die Mehrzahl der Deutschen noch nie mit eigenen Augen einen Juden gesehen – außer im Fernsehen. Weil die meisten hierzulande in der Regel keinen persönlichen Kontakt zu einem Juden haben, nicht haben können, machen sie sich ein komisches Bild von diesen Juden. Raphael Herlich zeigt die richtigen Juden. Große Überraschung: Seine jüdischen Kinder, Mütter, Brautpaare, Sportler, Soldaten, Rabbiner sind ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut. Und sie können sogar lachen.

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