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Jüdisches Fest in Frankfurt : Purim trotz Pandemie

  • -Aktualisiert am

Feste feiern, wie sie fallen: Trotz Regen und Pandemie hat die Chabad-Gemeinde ein Purim-Fest organisiert – zum Durchfahren mit dem Auto. Bild: Sieber, Laila

Wie feiert man, wenn Menschenansammlungen verboten sind? Die jüdische Chabad-Gemeinde in Frankfurt hat sich etwas einfallen lassen. Das laute und bunte Purimfest wird dieses Jahr zum Drive-in.

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          Der junge Mann mit der roten Clownsperücke liest so schnell, als würde jemand die Vorspultaste drücken. Er steht unter einem weißen Zelt auf dem Parkplatz der Frankfurter Eissporthalle, in seinen Händen hält er eine Torarolle. Es ist kalt und regnerisch, aus einer Box dröhnt laute Karnevalsmusik. Um das Zelt stehen drei Autos. Der Toraschüler rezitiert aus dem Buch Esther und verschluckt dabei fast jedes Wort. Auf einmal macht er eine Pause und ruft seinen Zuhörern laut und deutlich einen Namen entgegen: „Haman.“ Aus den Autos erklingt lauter Jubel, Kinder rasseln mit ihren Ratschen. Es ist das jüdische Purimfest – und das findet dieses Jahr nicht in der Synagoge statt, sondern im Auto.

          Purim ist eines der lautesten und buntesten Feste des Judentums. An diesem Feiertag wird die Rettung der Juden vor der Vernichtung durch den persischen Regierungsbeamten Haman gefeiert. Das biblische Buch Esther berichtet, dass die jüdische Königin Esther sich beim persischen König für die Rettung ihres Volks einsetzte. Dieser schützte es und tötete Haman und seine Gehilfen. Seitdem feiern Juden diesen Tag mit einem Fest, das dem Karneval ähnelt: Es wird gegessen, getanzt, die Kinder verkleiden sich. Doch wie feiert man so, wenn Menschenansammlungen verboten sind? Die jüdische Chabad-Gemeinde in Frankfurt hat sich etwas einfallen lassen: Sie hat das Fest einfach nach draußen verlegt, an den Parkplatz der Frankfurter Eissporthalle. Das jüdische Purimfest wird dieses Jahr zum Drive-in.

          Ein ausgelassenes Fest unter Einhaltung der Hygienevorschriften

          Damit auf dem Parkplatz die nötige Festtagsstimmung aufkommt, hat die Gemeinde vier weiße Zelte aufgebaut. Vor dem ersten steht ein DJ und legt traditionelle hebräische Musik auf, unterlegt mit einem lauten Beat. Neben ihm begrüßen Männer in knallbunten, aufgeblasenen Kostümen und Perücken die Besucher. Diese fahren in ihren Autos durch die vier Zelte, in denen die Gemeindemitglieder Geschenke und Essen verteilen und um Spenden für Bedürftige in Israel bitten. Obwohl das Wetter ungemütlich ist, gelingt der jüdischen Gemeinde an diesem Tag das Unmögliche: ein ausgelassenes Fest unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen zu feiern.

          Tefillin für die Männer: An der vierten Station wird aus der Thora gelesen. Bilderstrecke
          Drive-in-Fest : Purim trotz Pandemie

          Am Rand des Geschehens steht der Rabbiner der Gemeinde, Zalman Gurevitch, und schaut den Gläubigen beim Feiern zu. Er fällt nur auf, weil er nicht auffällt. Anstatt eines knallbunten Kostüms trägt er einen langen schwarzen Mantel, anstatt einer rosaroten Perücke einen Hut. Er komme gerade aus einer fünftägigen Quarantäne, weil er der Geburt seines Enkelkindes in New York beigewohnt habe. Dann sagt er, wie wichtig Veranstaltungen wie diese für die Gemeinde seien. „Denn sie bringen die Menschen zusammen.“ Aus diesem Grund sei ihm immer klar gewesen, dass das Purimfest auch dieses Jahr unbedingt stattfinden müsse. Besonders die Kinder liebten das Fest wegen der bunten Kostüme.

          „Alles ist dieses Jahr anders. Aber manches auch besser“

          Alles sei dieses Jahr anders, erzählt er. Aber manches auch besser: Weil das Fest draußen stattfinde, würden sich mehr Menschen in Frankfurt dafür interessieren. Das sei gut, betont er. Denn gegenseitiges Interesse bringe die Menschen näher zusammen.

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          Auch Chaim Sharvit ist dieses Jahr wieder gekommen. Er sitzt auf dem Fahrersitz seines Vans, hinten sitzen seine Frau und die Kinder. Sharvit erzählt, wie froh er sei, dass das Fest dieses Jahr nicht ausgefallen sei. „Die Situation ist für uns alle schwierig genug.“ Am meisten fehle ihm gerade das Zusammensein. „Umso grandioser finde ich, wie sie das alles gelöst haben.“ Weil alle Besucher in ihren Autos säßen, könne sowohl der Abstand gewahrt und gefeiert werden. Sharvit dreht sich zu seinen Kindern und fragt, ob sie so viel Spaß hätten wie er. Kaum hat er die Frage beendet, schallt ihm ein lautes „Jaaaaa!“ entgegen.

          Eine Stunde später. Die Stimmung ist noch ausgelassener, die Musik lauter, der Beat noch fordernder. Der DJ schreit: „Are you ready to partyyyyy? One, two, three!“ Der Beat setzt ein und die Toraschüler in ihren quietschbunten, aufgeblasenen Kostümen springen in die Luft. Als ein Auto auf die Tanzfläche zufährt, hüpft ihm ein Mann im blauen Kostüm entgegen und steigt auf die Stoßstange. Er beugt sich dem Autofahrer entgegen. Für einen Moment sieht es aus, als ob sich der Mann und der Fahrer umarmen. Hautenges Tanzen während der Pandemie.

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