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Jüdische Gemeinde Frankfurt : Gegen Antisemitismus, ob in Stadion oder Schule

Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, äußert sich zu antisemitischen Vorfällen im Waldstadion. Bild: Helmut Fricke

Auch auf dem Businessrang im Frankfurter Waldstadion werden Schmähungen gegen Juden offenbar hingenommen. Was man tun kann, überlegen sich 200 Tagungsteilnehmer im Jüdischen Gemeindezentrum.

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          Langsam kommt etwas Licht in die antisemitischen Vorfälle im Stadion beim Spiel der Eintracht gegen Racing Straßburg. Es waren nicht nur einer oder mehrere Fans in der Kurve, die den israelischen Schiedsrichter als „Judensau“ beschimpft haben. Auch im Businessbereich ist es zu einem Vorfall gekommen, wie Harry Schnabel, Mitglied des Zentralrats der Juden und des Gemeindevorstandes in Frankfurt, am Mittwoch auf der Tagung gegen Judenhass im Jüdischen Gemeindezentrum berichtete.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Schnabels Darstellung hat er dort einen Mann zur Rede gestellt, der hinter ihm „Drecksjude“ gerufen habe, als der Schiedsrichter nach der Pause wieder den Rasen betrat. Der Mann habe erwidert, er könne sagen, was er wolle. Daraufhin, so Schnabel, habe er ihn fotografiert und nach dem Spiel der Eintracht gemeldet. Diese habe dem Mann ein Stadionverbot erteilt. „Die Eintracht ist ihrer Verantwortung nachgekommen“, sagte Schnabel. Nicht jedoch die anderen 20 Zuschauer in der Loge, sie hätten den Mann nämlich rufen lassen und nicht eingegriffen. „Zivilcourage Fehlanzeige“, fasste Schnabel deren Reaktion zusammen.

          Rückzug ist der falsche Weg

          Eigentlich sei der Antisemitismus nicht das Problem der jüdischen Minderheit, sondern das der Mehrheitsgesellschaft, sagte Doron Kiesel vom Zentralrat. Trotzdem haben er und die Bildungsabteilung des Zentralrats die dreitägige Konferenz „Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen“ organisiert. Nicht mit Freude, sondern mit Bedauern. „Die Zeit verlangt es“, sagte Kiesel. Die Tabuschwellen für offenen Antisemitismus seien gesunken: „Wir schauen einem Monster ins Auge, mit dem wir nicht umgehen können.“

          Salomon Korn, der Vorsitzende der hiesigen jüdischen Gemeinde, sprach von beunruhigenden Zeiten, denn der Antisemitismus passe sich wie ein Chamäleon an. Man müsse den Begriff einkreisen und durchleuchten, um pädagogische Konzepte gegen den neuen Judenhass zu finden. Rückzug sei für die jüdische Gemeinschaft der falsche Weg, sie müsse Seite an Seite mit allen Aufrechten kämpfen. Korn verlangte ein hartes Vorgehen des Staates gegen antisemitische Schmähungen und Straftaten.

          Maßnahmen in den Schulen

          Zu den Aufrechten zählen gewiss die drei Antisemitismusbeauftragten, die sich zur Tagung im Gemeindezentrum eingefunden hatten. „Wer die jüdischen Leistungen angreift, greift unsere deutsche Kultur an“, sagte der Bundesbeauftragte Felix Klein und erinnert an die bedeutenden Beiträge etwa des Physikers Albert Einstein oder des Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Doch Klein wurde auch ganz praktisch. Es sei zwingend geboten, eine Meldepflicht für antisemitische Vorfälle in Schulen einzuführen.

          Man müsse schon in den Schulen und Bildungseinrichtungen gegen Antisemitismus vorgehen, riet der hessische Antisemitismusbeauftragte, der Frankfurter Kämmerer Uwe Becker. Die Judenfeindschaft hat sich nach seinen Erfahrungen inzwischen bis in die Mitte der Gesellschaft durchgefressen, man müsse sie wieder an die Ränder zurückdrängen: „Antisemitismus ist ein Gift, das das gesellschaftliche Miteinander zerstört.“

          Nach Meinung des bayerischen Antisemitismusbeauftragten Ludwig Spaenle reicht es nicht, gegen den Judenhass vorzugehen. Man müsse auch einen Diskurs beginnen über jüdisches Leben in Deutschland und die bedeutende Rolle von Juden in der deutschen Geschichte herausheben.

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