https://www.faz.net/-gzg-15swh

Jüdische Einwanderer in Deutschland : Ins gelobte Land an Rhein und Donau

Teil der Ausstellung: Der Pass von Wladimir Kaminer, deutscher Schriftsteller mit jüdisch-russischer Herkunft Bild: dpa

Eine Viertelmillion russischer Juden ist nach dem Kommunismus nach Deutschland gekommen. Warum ausgerechnet hierher, erklärt eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt.

          4 Min.

          Koffer und Tasche. Der Koffer im Jüdischen Museum steht für die jüdische Gemeinschaft, die sich nach dem Holocaust zu einem gut Teil aus „Displaced Persons“ osteuropäischer Herkunft in Deutschland gebildet hat. Die Tasche dagegen repräsentiert die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach 1989 in das bald darauf vereinte Deutschland emigriert sind.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ausgerechnet Deutschland!“ haben sich beide Gruppen unter Hinweis auf den deutschen Judenmord im Nationalsozialismus zuweilen vorhalten lassen müssen. Diesen Ausruf des Unverständnisses hat Kurator Dimitrij Belkin denn auch als Titel für seine klar strukturierte und architektonisch originell gestaltete Ausstellung über die jüdisch-russische Einwanderung nach Deutschland gewählt. Mit ihren vielen Alltagsobjekten und Alltagsbeobachtungen schöpft diese Schau, die sich in ihrem Ablauf an den einzelnen Stationen der Immigration orientiert, wahrlich aus dem prallen Leben

          Billige Gepäckstücke

          Der braune Koffer in der Ausstellung ist solide aus Holz gefertigt. Auf ihm und auf anderer gepackter Bagage haben, bildlich gesprochen, Astrid und Jakob Zajdband wie viele andere Juden in Frankfurt und anderen Städten in den sechziger und siebziger Jahren gesessen, immer in der Furcht, ein neuer Nazismus und Antisemitismus könnten Deutschland ergreifen und die kleine jüdische Gemeinschaft überrollen. Die blau-rot karierte Tasche dagegen besteht aus solidem ukrainischem Kunststoff. In sie und andere billige Gepäckstücke haben die Familie Belkin und andere Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion in den neunziger Jahren ihre bewegliche Habe verstaut, um in das gelobte Land an Rhein und Donau aufzubrechen. Die Zajbands wie auch die Belkins haben ihre Reisebehältnisse inzwischen ausgepackt. Sie sind endgültig angekommen im neuen Deutschland, dem Land der Demokratie und des Wohlstands, das ihnen jetzt Heimat ist.

          Auch Teile der Ausstellung: Drei Matroschkas mit typisch jüdischen Merkmalen - ein Rabbiner, ein Jude am jüdischen Festtag Jom Kippur und ein frommer Jude

          Etwa eine Viertelmillion Juden gelangte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zwischen 1989 und 2005 mit sowjetischem Pass hierher. Die Auswanderer kehrten Ländern den Rücken, in denen der Antisemitismus mehr oder weniger Staatspolitik war und auch nach der Wende zumindest nicht aus dem Alltag verschwand. Sie versuchten Gesellschaften zu entkommen, die nach dem Ende der kommunistischen Gewissheiten in eine völlige Verwirrung geraten waren - eine geistige und ökonomische.

          Die Zuwanderung nach Deutschland begann mit dem Beschluss der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière, Juden aus der Sowjetunion einreisen zu lassen und ihnen einen dauerhaften Aufenthalt zu gewähren. Anfang 1991 beschlossen die deutschen Ministerpräsidenten, diese Aufnahmepraxis aus humanitären Gründen fortzuführen und für sowjetische Juden als „Kontingentflüchtlinge“ die Grenze offenzuhalten. Mit dieser Großzügigkeit war 2005 Schluss, mittlerweile müssen jüdische Einwanderer glaubhaft belegen, dass sie sich in absehbarer Zeit selbst ernähren können. Und sie müssen den Nachweis erbringen, dass sie in eine Jüdische Gemeinde aufgenommen werden können.

          Warum nicht Amerika oder Israel?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klärungsbedarf: Zübeyde und Peter Feldmann am Abend der Wiederwahl des Oberbürgermeisters

          Feldmann und die Kita-Affäre : Gut bezahlte Nebenrolle

          Als Zübeyde Temizel noch am Konzept für eine Kita in Wiesbaden gearbeitet haben soll, besichtigte Peter Feldmann schon die „Dostluk“-Baustelle in Frankfurt. Und das ist längst nicht die einzige Ungereimtheit in der Sache.
           Smog hängt über den Dächern von Rom

          Fahrverbote in Rom : Anti-Diesel-Politik ohne Nutzen

          Während in Deutschland noch gestritten wird, macht die Bürgermeisterin von Rom Nägel mit Köpfen: Sie verhängt Fahrverbote für Diesel. Echte Umweltsünder dürfen dagegen weiter in die Stadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.