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Judenverfolgung : Der Papst persönlich hat sich eingesetzt

Die Erinnerung ist noch immer wach: Ruth Dresner Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Arno Freimann war über Jahrzehnte der bedeutendste jüdische Bibliothekar Deutschlands. 1939 verschaffte ihm der Vatikan ein Visum für die Vereinigten Staaten - und der Frankfurter entging dem Holocaust. Ruth Dresner berichtet von ihrem Großvater.

          Es ist eine schwierige Reise für Ruth Dresner. Fast 70 Jahre nach ihrer erzwungenen Emigration ist sie auf Einladung der Stadt für zwei Wochen nach Frankfurt zurückgekehrt. Jetzt blickt sie in einem kahlen Klassenraum des Goethe-Gymnasiums in Neu-Isenburg auf vier Dutzend Schüler und soll von ihrer Flucht aus Frankfurt und ihrem Leben in New York erzählen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ich spreche Deutsch, ich verstehe Deutsch, aber Englisch fällt mir leichter“, sagt sie den Zehntklässlern. Kein Wunder, schließlich war sie acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie der Judenverfolgung in Deutschland entkam. Die Vereinigten Staaten sind ihre neue Heimat geworden, Englisch ist die eigentliche Muttersprache der Sozialarbeiterin, die noch mit 77 Jahren ihrem Beruf nachgeht.

          Flucht in die Vereinigten Staaten

          Am 1. Mai 1938 sind sie, ihre Eltern und ihr Bruder mit dem Zug über die niederländische Grenze gefahren. Daran erinnert sich Ruth Dresner noch genau. Ihr Vater, zuvor ein angesehener Chirurg am Rothschild-Hospital mit gutgehender eigener Praxis in Sachsenhausen, hatte seine Kippa aufgesetzt und sprach gerade die Morgengebete, als ein Schaffner das Abteil betrat. Voller Schrecken dachte die kleine Ruth, jetzt werde die Ausreise noch im letzten Moment scheitern. Doch es stellte sich heraus, dass es ein holländischer Schaffner war, zudem ein Jude. Die Erinnerung an diesen Moment, da die Familie wusste, dass sie in Freiheit ist, wühlt Ruth Dresner heute noch auf. Vor den Schülern muss sie einen Augenblick innehalten, um ihre Tränen zu trocknen.

          Schon einmal auf ihrer Reise nach Frankfurt hat sie die Tränen nicht zurückhalten können. In der Universitätsbibliothek in Bockenheim. Dort hat ihr die Bibliothekarin Rachel Heuberger einige Kladden gezeigt, in die Aron Freimann, der damalige Leiter der Hebraica- und Judaica-Sammlung der Frankfurter Stadtbibliothek, in feiner Handschrift die neu eingegangenen Titel eingetragen hat. Diese Sammlung war auf dem europäischen Kontinent die bedeutendste ihrer Art, nur jene in Oxford war noch besser ausgestattet. Aron Freimann, der diesen Schatz zusammengetragen hat, war Ruth Dresners Großvater.

          Im Gegensatz zu anderen Verwandten von Ruth Dresner hat Freimann im letzten Moment das rettende Ufer des nordamerikanischen Kontinents erreicht, nämlich knapp vor Kriegsbeginn. Am 20. März 1939 erteilte der Reichsminister des Inneren die Erlaubnis, dass „Bibliotheksrat a. D. Aron Freimann seinen Wohnsitz für die Dauer von zwei Jahren nach den Vereinigten Staaten von Amerika verlegt“.

          Bekanntschaft mit dem späteren Papst

          Bibliotheksrat a. D. war ein Euphemismus. Denn Freimann war als Jude am 30. März mit sofortiger Wirkung „bis auf weiteres“ von seiner Tätigkeit in der Stadtbibliothek – sie war dort beheimatet, wo heute das neue Literaturhaus steht – beurlaubt worden, am 4. April musste er die Bibliotheksschlüssel abgeben. Das berüchtigte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das „Nichtarier“ vom öffentlichen Dienst ausschloss, wurde erst drei Tage später erlassen. Doch Frankfurts NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs hatte in vorauseilendem Gehorsam die jüdischen Beamten und Angestellten der Stadt schon vorher gefeuert. Zwei Jahre zuvor, am 5. August 1931, hatte der demokratisch gewählte Oberbürgermeister Ludwig Landmann dem Bibliothekar zu dessen 60. Geburtstag noch ein Telegramm mit den „herzlichsten Glückwünschen“ geschickt.

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