https://www.faz.net/-gzg-7ubtd

Judenfeindlichkeit : Angst, mit der Kippa auf dem Kopf herumzulaufen

Glaubensbekenntnis: Einige Juden in Deutschland verspüren Angst, wenn sie sich wie mit dem Tragen einer Kippa offen zu ihrer Religion bekennen. Bild: dpa

Ist Deutschland für Juden das sicherste Land in Europa? Oder können Antisemiten jetzt wieder offen ihren Hass verbreiten? In einer Podiumsdiskussion wurde nach Antworten gesucht.

          Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler ist alarmiert. Vor zehn oder zwanzig Jahren habe er sich nicht vorstellen können, dass einmal auf einer Demonstration in Deutschland „Juden ins Gas“ gerufen werden könne. Doch genau das ist in den vergangenen Wochen auf den Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg geschehen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Zeichen müsse gesetzt werden, beschwor das frühere Stadtoberhaupt am Dienstagabend die etwa 200 Gäste der Veranstaltung „Schon wieder – antisemitische Parolen auf deutschen Straßen“. Zu der Podiumsdiskussion im Casino der Stadtwerke hatten die Freunde und Förderer des Jüdischen Museums eingeladen.

          Daniel Cohn-Bendit war nicht dabei, als der Zentralrat der Juden vor anderthalb Wochen mit einer Kundgebung am Brandenburger Tor ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen versuchte. Zu viele Staatsautoritäten hätten sich dort versammelt und zu viele Israel-Fahnen geweht, sagte der frühere Europaabgeordnete, der die israelische Politik scharf kritisiert. Ohnehin ist Cohn-Bendit der Meinung, dass der Judenhass nur aus der Zivilgesellschaft heraus erfolgreich bekämpft werden könne.

          Judenfeindlichkeit vorwiegend von Neonazis

          Der Antisemitismus hat in der jüngsten Vergangenheit zugenommen. Darüber sind sich alle auf dem Podium einig gewesen. Nicht jedoch darüber, wie stark der Judenhass gewachsen ist und wie groß die Gefahr ist, die von ihm ausgeht. Moderatorin Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk verwies auf Untersuchungen, wonach unter jüdischen Bürgern hierzulande die Angst gestiegen ist. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht denn auch eine neue Qualität des Antisemitismus, weil zum ersten Mal judenfeindliche Parolen auf der Straße skandiert worden seien. Er warnte allerdings vor Alarmismus: Auf die Ausfälle bei den Gaza-Demonstrationen habe der deutsche Staat unverzüglich reagiert und judenfeindliche Äußerungen unterbunden.

          Dass das offizielle Deutschland offen antisemitische Äußerungen nicht duldet, hat nach Meinung von Stefanie Schüler-Springorum, der Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, eine dämpfende Wirkung. Insofern sei es wünschenswert, ein solches Tabu aufrechtzuerhalten. Im Übrigen gehe der Judenhass entgegen vielen Behauptungen weniger von Muslimen, sondern weiterhin in erster Linie von Rechtsradikalen aus, sagte sie unter Hinweis auf die Berliner Kriminalitätsstatistik.

          Diskutierte mit über Judenfeindlichkeit: Daniel Cohn-Bendit

          In der deutschen Nachkriegsgeschichte sei der Antisemitismus in einer Art Wellenbewegung regelmäßig angestiegen und wieder abgeflaut. Trotz der Vorkommnisse der vergangenen Wochen ist für Schüler-Springorum der Geist nicht aus der Flasche entwichen: „Die Zivilgesellschaft hat funktioniert.“

          In Frankreich sei alles viel härter, konstatierte der mit den Verhältnissen im Nachbarland gut vertraute Cohn-Bendit: die Judenfeindlichkeit, die Homophobie, überhaupt die ganzen Anti-Haltungen, die auf Ressentiments gegen Minderheiten gründeten. Und weil der temperamentvolle Cohn-Bendit seine Behauptungen gerne zuspitzt, ließ er den Saal wissen: „Das sicherste Land für Juden in der Welt ist Deutschland.“

          Das war für den im Publikum sitzenden Alon Meyer, der den deutschen Zweig der jüdischen Sportorganisation Makkabi leitet, zu viel der Provokation. Er und seine Freunde hätten Angst: „Viele trauen sich nicht mehr, mit einer Kippa rumzulaufen.“ Jüngst habe ein Polizist einem Israeli, der mit der bekannten jüdischen Kopfbedeckung an der Hauptwache unterwegs gewesen sei, geraten, diese vorsichtshalber abzunehmen.

          Den alten Antisemitismus in der rohen Form gibt es nach Meinung Brumliks und Schüler-Springorums freilich nicht mehr. Jene 20 Prozent der Bevölkerung, die bei Umfragen antisemitische Einstellungen äußerten, seien zu blöde, um halbwegs akzeptable Antworten zu geben, sagte die Forscherin. Die Judenfeindlichkeit tarnt sich besser als früher. Doch wann fängt sie an, wann schlägt zum Beispiel Israel-Kritik in Antisemitismus um? Was unterscheidet ihn von Rassismus, von Antiislamismus, Antiziganismus, Homophobie?

          Das Besondere an Antisemiten ist laut Schüler-Springorum, dass sie Verschwörungsphantasien anhingen und Juden als geheime Drahtzieher hinter der Börse, dem Kommunismus und vielen anderen Phänomenen der modernen Welt sähen. Beim aktuellen deutschen Antisemitismus, der sich jüngst auf den von vielen jungen Muslimen besuchten Gaza-Demonstrationen ausgetobt hat, geht es indes vor allem gegen Israel und dessen Haltung im Nahost-Konflikt. Den hatte Moderatorin Schapira in dieser Podiumsdiskussion aber bewusst von Anfang an ausgeklammert. Es sollte über den deutschen Antisemitismus gesprochen werden. Und der ist, wie sich an diesem Abend zeigte, schwierig genug zu erfassen.

          Weitere Themen

          Einen Juden mieten

          Gegen Antisemitismus : Einen Juden mieten

          Die Initiative „Rent A Jew“ vermittelt jüdische Referenten an öffentliche Einrichtungen. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut werden und kultureller Austausch gestärkt werden. Eine Gemeinde in Hessen hat es ausprobiert.

          Alles gar nicht so gemeint

          Politik und Pop : Alles gar nicht so gemeint

          In der Popmusik sind immer schon politische und soziale Konflikte ausgehandelt worden. Derzeit geschieht das aber härter denn je. Zwei neue Bücher ergründen, warum das so ist.

          Topmeldungen

          Massentourismus vom Wasser kommend: Zwei Kreuzfahrtschiffen liegen im Geirangerfjord.

          Umstrittene Kreuzfahrtschiffe : Norwegen macht die Fjorde langsam dicht

          Es ist ein Geldsegen und ein Öko-Fluch: Seit kurzem gelten in fünf norwegischen Fjorden für Kreuzfahrtschiffe strenge Umweltauflagen, die die Luftverschmutzung begrenzen sollen. Glücklich sind die Menschen in der Urlauberhochburg Geiranger damit nicht.
          Kanzlerin Angela Merkel stellt mit ihrem Klimakabinett die Ergebnisse eines Kompromisses zum Klimapaket vor.

          Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

          Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.