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„Joschka und Herr Fischer“ : Treffen sich zwei Spontis

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Im Anfang waren die Nikes: Bei seiner Vereidigung zum Minister trug Joschka Fischer 1983 weiße Turnschuhe – seinen Parteifreunden zuliebe, wie er heute sagt. Bild: DPA

Joschka Fischer war Steinewerfer, Turnschuhminister und Bundespolitiker. Sein Leben erzählt er dem Regisseur Pepe Danquart in dem Film „Joschka und Herr Fischer“.

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          Seine Turnschuhe sind zum Mythos geworden. Als Joseph Martin Fischer, von Freunden Joschka genannt, 1985 im Hessischen Landtag zum Umweltminister vereidigt wurde, richteten die Fotografen ihre Kameras auf die weißen Sportschuhe des „Turnschuhministers“, die heute im Offenbacher Ledermuseum ausgestellt sind. Er selbst habe eigentlich normale Schuhe tragen wollen, erinnert sich Fischer in Pepe Danquarts Film „Joschka und Herr Fischer“, der zurzeit in den deutschen Kinos läuft. Er sei dann aber doch dem Beschluss seiner grünen Mitstreiter gefolgt, die ein optisches Zeichen der Abgrenzung hätten setzen wollen.

          Die Turnschuhnummer war ein voller Erfolg – die erste Beteiligung der Grünen an einer Regierung dagegen weniger. Er habe nicht gewusst, wie Regieren funktioniere, bekennt Fischer in dem Film. Die anderthalb Jahre als Minister unter dem SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner hätten zu den schlimmsten seines Lebens gezählt. Unendlich groß seien die Erwartungen der Grünen-Anhänger gewesen, unendlich klein seine politischen Möglichkeiten.

          Erst beim Filmprojekt persönlich kennengelernt

          So offen wie vor Danquarts Kamera hat sich der ehemalige Bundesaußenminister selten zu seiner Person geäußert. Dies gilt nicht nur für den Lebensabschnitt als hessischer Minister, sondern auch für die Kapitel, die von Fischers Jugend in der schwäbischen Provinz, von seinen Sponti-Jahren in Frankfurt oder seiner Karriere in der Bundespolitik und der internationalen Politik handeln. Danquart hat Fischer geknackt, soweit dies bei einem Menschen überhaupt möglich ist, der die Öffentlichkeit nicht gern an seinem Privatleben teilhaben lässt.

          Seinen Filmhelden Fischer hat der Regisseur erst bei seinem Filmprojekt persönlich kennengelernt. Dass der frühere Außenminister seine Pläne überhaupt anhörte, verdankt der in Freiburg und Berlin lebende Filmemacher Fischers Frau Minu Barati. Sie kannte einige Filme Danquarts, der spätestens seit dem Gewinn eines „Oscars“ im Jahr 1994 für seinen Kurzspielfilm „Schwarzfahrer“ ein bekannter Mann in der deutschen Filmbranche ist. Es war Danquarts besonderes Konzept, das Fischer überzeugte. Der Regisseur wollte keine Biographie drehen, sondern die Geschichte der Nachkriegszeit bis heute entlang der Person Fischer erzählen. Danquart hat Fischer mitten in die Geschichte gestellt. Genauer gesagt mitten in die Bilder der Geschichte, die er in einer aufgelassenen Berliner Fabrik auf diverse Glaswände projizierte.

          Danquarts Konzept ist aufgegangen

          Zuvor hatte sich der Regisseur lange mit Fischer über dessen Leben unterhalten. Diese 20 Stunden auf Tonband aufgenommenen Gespräche verschriftlichte Danquart zuerst und suchte danach in diesem Material nach den „Bruchstellen“ in Fischers Leben. Eine der frühen Bruchstellen war Erwin Leisers Film „Mein Kampf“, der in den sechziger Jahren in den Schulen im ganzen Land gezeigt wurde. Hier erfuhr der Schüler Fischer zum ersten Mal von den Verbrechen der Nationalsozialisten und vom Völkermord an den Juden. Die Erinnerung daran kommt mehr als 50 Jahre später wieder hoch beim Betrachten eines Ausschnitts aus Leisers Film, der als Endlosschleife neben einem Dutzend anderer Filmdokumente in besagter Fabrik läuft. Das damals geschworene „Nie wieder!“ hat später den Außenpolitiker Fischer geleitet, als er zum Beispiel gegen heftige Kritik aus der eigenen Partei den militärischen Einsatz im Kosovo mit in die Wege leitete.

          Danquarts Konzept, Fischer Zwiesprache halten zu lassen mit bewegten Bildern seiner und der deutschen Vergangenheit, ist aufgegangen. Eine knappe Woche hat der Filmemacher mit diesem Alphatier der jüngeren deutschen Politik inmitten der Filmprojektionen gedreht. Es waren die Bilder, die Fischer sprechen ließen in einer privaten Weise, die doch nie richtig privat ist. Denn der ehemalige Außenminister erzählt in dem ganze 140 Minuten langen Film weniger von seinem Aufstieg vom jugendlichen Rebellen zu einem weltweit bekannten Politiker als vielmehr von der Geschichte einer aufrührerischen Generation, die durch ihn in gewisser Weise verkörpert wurde. Es geht ihm nicht um Anekdoten, sondern um die große historische Linie.

          Es sei nicht leicht gewesen, Fischer vom Mitmachen zu überzeugen

          Im Laufe der fünf Jahre, in denen Danquart an seinem Projekt gearbeitet hat, ist zwischen ihm und Fischer ein Vertrauensverhältnis entstanden. Vermutlich war der aus Singen am Hohentwiel stammende Filmemacher der ideale Regisseur für ein solches Vorhaben, hat er doch seine politische Sozialisation im gleichen Sponti-Milieu erlebt wie Fischer, wenn auch nicht in Frankfurt, sondern in Freiburg. Dort lautete die Formel für ein freies Leben nicht wie in der Mainmetropole „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, sondern genauso utopistisch: „Weg mit den Alpen! Freier Blick aufs Mittelmeer!“

          Danquarts Zeitreise führt nicht nur Fischer, sondern in mehreren Exkursen auch seine Mitstreiter und Zeitgenossen in die Vergangenheit etwa der revolutionären Betriebsarbeit bei Opel oder in den Frankfurter Häuserkampf. Johnny Klinke zum Beispiel erzählt von der Arbeit am Rüsselsheimer Fließband, Daniel Cohn-Bendit von der Gründung der Grünen. Der heutige Europaabgeordnete war es, der Fischer gegen dessen anhaltenden inneren Widerstand zum Eintritt in die neue Partei überredet hat. Als dieser dann endlich ja gesagt hatte, zog er die Sache mit der ihm eigenen Energie durch.

          Nicht anders bei dem Filmprojekt. Es sei nicht leicht gewesen, Fischer vom Mitmachen zu überzeugen, berichtet Danquart. Doch nachdem er einmal ja gesagt habe, habe sich Fischer mit Haut und Haaren in das Vorhaben gestürzt.

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