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Internet-Lexikon : Wikipedia in Höchst

Nun auch in Frankfurt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Bisher war Wikipedia lediglich im Internet zu finden - jetzt hat es eine Adresse: in Höchst. Dort engagiert sich der Verein „Wikimedia Deutschland“ für die Weiterentwicklung des Internet-Lexikons.

          3 Min.

          Man muß auch verlieren können. Den Verein FSV Alemannia 1911 aus Mainz zum Beispiel hat es hart getroffen, eigentlich sogar sehr hart. Nicht um eine sportliche Niederlage geht es hier. Sondern um seine Aufnahme in das Online-Lexikon Wikipedia. Hatte doch jemand einen Beitrag über die Kicker aus dem Vorort Laubenheim in das Lexikon gestellt. Die Gemeinde der Lexikonnutzer war der Ansicht, daß der Verein dessen nicht würdig sei. „Relativ durchschnittlicher Verein ohne überregionale Erfolge“, lautete das Urteil. Und nicht nur „gelöscht“ das Strafmaß. Sondern sogar: „schnellgelöscht“.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So streng sind die Sitten, die sich rund um Wikipedia entwickelt haben, also um die Idee, in den modernen Zeiten des Internets lasse sich soviel Lexikon, wie der Mensch tatsächlich brauche, doch eigentlich auch von den Lesern selbst schreiben. Inzwischen finden sich alleine in der deutschsprachigen Ausgabe unter www.wikipedia.de mehr als 500.000 Artikel, und wer „Frankfurt“ eingibt, findet nicht nur einen Beitrag über die Städte an Main und Oder, sondern auch über Frankfort, Kentucky, Frankford, Delaware, und Frankford, Stadtteil von Philadelphia.

          Erfolgsgeschichte aus dem Internet

          Was ausgerechnet in dem Beitrag über Frankfurt am Main fehlt: Wikipedia hat für die Mainmetropole eine besondere Bedeutung. Denn seit Anfang Oktober ist der Stadtteil Höchst Sitz der Geschäftsstelle des Vereins „Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung des Freien Wissens“, der sich für die Weiterentwicklung des Internet-Lexikons engagiert. Und mit dem 34 Jahre alten Arne Klempert wurde jemand zum Geschäftsführer berufen, der in Frankfurt studiert hat und in Königstein lebt.

          Es wirkt alles noch ein wenig improvisiert in der Geschäftsstelle, bei der es sich bloß um einen Raum in einer Bürogemeinschaft an der Bolongarostraße handelt. Einige gebrauchte Schreibtische, ein paar Fotos. Drei Uhren, die die Zeit in Florida, dem Sitz der Wikimedia Foundation, die Greenwich-Zeit und die Mitteleuropäischen Zeit anzeigen, sollen Weltläufigkeit signalisieren. Das ist es dann aber auch. Schließlich mußte Klempert, der einzige Beschäftigte des Vereins, aus dem Stand tätig werden, denn Wikipedia wächst und wächst.

          Es ist eine dieser seltsamen Erfolgsgeschichten aus dem Internet, die sich niemals jemand hätte ausmalen können: Warum sollten Menschen in ihrer Freizeit freiwillig an etwas so Drögem wie einem Lexikon schreiben? Sie tun es aber, oder jedenfalls tun es genügend. 1000 Frauen und Männer, Studenten zumeist, sind allein in Deutschland mit allergrößtem Eifer bei der Sache, wie Klempert sagt, weitere 7000 melden sich immerhin noch mehrmals im Monat mit neuen Beiträgen oder Verbesserungen an den vorhandenen Artikeln zu Wort. Manche haben sich darauf spezialisiert, sich um die Software zu kümmern, andere suchen am liebsten Tippfehler. Doch schreiben dürfen nicht nur solche Profis, schreiben kann jeder, ohne Anmeldung sogar. Es muß nicht gleich ein ganzer Beitrag sein. Die meisten Einträge bestehen aus Ergänzungen vorhandener Texte. Ganz hierarchiefrei funktioniert es aber auch bei Wikipedia nicht: 250 Administratoren haben die Lizenz, Beiträge für Änderungen zu sperren, wenn Autoren beharrlich Schaden statt Nutzen stiften.

          „Die Organisation hechelt dem Wachstum hinterher“

          Es ist im Idealfall ein sich selbst regulierendes System - wird Unsinn verbreitet, so diskutieren die Nutzer darüber und löschen es gegebenenfalls. „Vandalismus ist mehr Aufwand für den, der ihn treibt, als für den, der ihn rückgängig macht“, erläutert Klempert. Ihm ist aber klar, daß Wikipedia, hinter dem kein Unternehmen steckt, eine fragile Konstruktion ist. „Solange die Guten in der Mehrheit sind, funktioniert das System.“ Der Verein, dessen Geschäfte Klempert führt, betreibt allerdings mitnichten den Wikipedia-Auftritt in deutscher Sprache - das ist weltweit Sache der amerikanischen Stiftung. Wikimedia Deutschland kann mit seinen an die 300 Mitgliedern lediglich Unterstützung leisten - werben, Treffen der Mitglieder organisieren, Spenden sammeln. Zuletzt schaffte der Verein 15 Server an, die nun in Amsterdam stehen. „Die Organisation hechelt dem Wachstum hinterher“, sagt Klempert.

          Das rasante Wachstum des Lexikons hatte er schon lange verfolgt. Nach dem Soziologiestudium arbeitete er als freier Journalist, unter anderem für die „Taunus-Zeitung“. Zuletzt war er in der Software-Entwicklung einer Kronberger Firma tätig. Beiträge für Wikipedia hat Klempert natürlich auch verfaßt, unter anderem über Seifenopern im Fernsehen und über Jürgen Schneider.

          Ziel ist es, die Zahl der Mitglieder und das Spendenaufkommen zu steigern, um zum Beispiel Projekte mit Schulen organisieren zu können, wie Klempert sagt. Für solche konkreten Vorhaben, bei denen Mädchen und Jungen an das Lexikon herangeführt werden sollen, wären auch Sponsoren aus der Wirtschaft willkommen - sonst ist Wikipedia werbefrei. Einstweilen hofft die Fangemeinde und Klempert mit ihr, daß der Erfolg den Erfolg nährt. Bisher ist das so: Allein in den vergangenen zwei Wochen kamen 6000 Beiträge hinzu.

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