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Integration von Taubblinden : Ein Assistent kann aus der Isolation helfen

  • -Aktualisiert am

Lormen: Über den Tastsinn können Taubblinde kommunizieren. Bild: Schoepal, Edgar

Nichts sehen und hören: In Deutschland leben mehrere tausend Taubblinde. Eine Stiftung in Frankfurt will den Menschen Mut machen, sich nicht von der Welt zurückzuziehen.

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          Stille und Dunkelheit. Für Menschen, die alle fünf Sinne benutzen können, ist es unvorstellbar, wie Taubblinde die Welt wahrnehmen. Unbegreiflich auch, wie sie sich ohne Augenlicht und Gehör unterhalten und fortbewegen können. Allzu verständlich scheint es daher, dass sich viele Betroffene zurückziehen. Doch das müsse nicht so sein, meint Irmgard Reichstein. Mit der richtigen Hilfe könnten Taubblinde mobil sein und am Leben teilhaben, sagt die Gründerin und Vorsitzende des Beirats der Stiftung Taubblind leben. Weil sie aber kaum Unterstützung erhielten, zögen sich taubblinde Menschen zurück und verschwänden so aus der Öffentlichkeit. „Wir verlieren sie.“

          In der Zentrale der Frankfurter Sparkasse sprach Reichstein diese Woche vor rund 60 Zuhörern und zehn Gehörlosen, die der Gebärdendolmetscherin zuschauten. Zu ihrem Vortrag hatten die Stiftung Polytechnische Gesellschaft und die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte eingeladen. Was Taubblinde erreichen könnten, zeigten etwa die Schriftstellerin Helen Keller und Peter Hepp, der als Diakon in Rottweil arbeitet, sagt Reichstein. Aber allzu selten hätten Menschen, die sowohl blind als auch taub seien, einen Assistenten, der sie begleite. Ohne solche Hilfe würden für sie Mobilität und Kommunikation aber unmöglich.

          Taubblindheit - keine anerkannte Behinderung

          Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland zwischen 2500 und 10.000 Taubblinde. Allerdings sei die Kombination der beiden Leiden nicht als Behinderung anerkannt. Sie werde daher auch nicht statistisch erfasst, sagt Reichstein. Als Folge mangele es an Therapeuten, Assistenten und Pfleger, die auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingestellt seien. So gebe es allenfalls 150 bis 200 Plätze in Einrichtungen, die eine spezielle Pflege anböten. Einen Anspruch auf solche Unterstützung kennt das Sozialrecht nicht.

          Reichstein setzt sich mit ihrer Stiftung dafür ein, dass sich das ändert. Sie betreibt einerseits Lobby-Arbeit, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ändern. Die Managerin, deren Bruder 14 Jahre alt war, als er die Diagnose erhielt, taubblind zu werden, unterstützt aber auch Selbsthilfegruppen und einzelne Betroffene. Es sei erschreckend, unter welchen Umständen manche Taubblinde lebten. Viele seien abhängig von einem Verwandten. Ihr Leben sei von Isolation geprägt und davon, sich nur in den eigenen vier Wänden bewegen zu können.

          Als Taubblinde am gesellschaftlichen Leben teilhaben

          Dass dies nicht so sein muss, erlebt Reichstein unter anderem dann, wenn sie mit Gruppen Ausflüge unternimmt. Sie berichtet von gemeinsamen Weinproben, von Museumsbesuchen und Wanderungen. Seien die Führer anfangs noch sehr skeptisch, lernten sie schnell, wie interessiert und aufnahmefähig die Taubblinden seien. Mit Hilfe von Assistenten und geeigneten Reha-Übungen könnten sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Technische Hilfsmittel erlauben ihnen die Kommunikation mittels Mobiltelefonen und E-Mails. Wenn sie es gelernt haben, können sie sich auch mittels taktiler Gebärden- oder Tastsprache verständigen. Lormen etwa ist eine Art Fingeralphabet, mit dem sich Worte in die Handflächen schreiben lassen.

          Der häufigste Grund für Taubblindheit ist laut Reichstein das Usher-Syndrom, eine Erbkrankheit. Zu den weiteren Auslösern zählen Unfälle, Stoffwechselkrankheiten und altersbedingte Seh- und Hörschäden. Je nachdem, in welchem Alter die Menschen taubblind werden und welche Fähigkeiten sie mitbringen, seien bestimmte Übungen nötig. Kinder könnten recht schnell die geeignete Gebärdensprache lernen. Mit Hilfe von Kommunikationskarten können sie sich auch dann verständigen, wenn sie allein unterwegs sind und Fremde nach dem Weg fragen müssen.

          Einen Rat gab Reichstein ihren Zuhörern und Zusehern noch mit auf den Weg. Wenn ihnen einmal ein Taubblinder begegne, sollten sie ihm ausschließlich mit Respekt behandeln. Mitleid zementiere nur die Verhältnisse. „Und helfen Sie ihm bitte nicht über eine Straße, die er gar nicht überqueren will.“

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