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Integration : Die Standortbestimmung bleibt für Türken diffizil

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Auf Mehmet Emin Köktas ruhen hohe Erwartungen. Bei dem Stiftungsprofessor für Islamische Religion an der Frankfurter Universität sollen auch künftige, in Deutschland aufgewachsene Imame und andere religiöse Fachkräfte lernen.

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          Auf Mehmet Emin Köktas ruhen hohe Erwartungen. Bei dem Stiftungsprofessor für Islamische Religion an der Frankfurter Universität sollen auch künftige, in Deutschland aufgewachsene Imame und andere religiöse Fachkräfte lernen. Bisher kommen die Geistlichen aus der Türkei oder legen dort die letzten Prüfungen ab. Köktas will unter anderem den Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen fördern. "Muslimische Gesprächspartner sind oft Laien in Sachen Religion, und die Imame haben Sprachprobleme", sagt er.

          Maßgeblich am Zustandekommen der Professur war Hüseyin Kurt von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (nach deren türkischem Namen kurz "Ditib" genannt) beteiligt. Finanziert wird Köktas' Stelle nämlich von der türkischen Religionsbehörde, der auch die Frankfurter Ditib verbunden ist - dem nach Kurts Angaben größten Zusammenschluß sunnitischer türkischer Muslime.

          Doch auch andere Vereine, die anders als Ditib nicht eng mit dem türkischen Staat verbunden sind, wollen "Imame aus eigenen Ressourcen ausbilden", wie Yusuf Colak vom Verband der Islamischen Kulturzentren sagt. Dieser Verband hat 200 eingetragene Mitglieder, zu Gebeten oder anderen Treffen in der Moschee an der Kriegkstraße im Frankfurter Gallusviertel kommen aber mehr Menschen, genauso wie in die Ditib-Moschee an der Münchener Straße. Zu Kurts Verein gehören etwa 300 eingetragene Mitglieder.

          Egal, wie die beiden größeren der vielen türkischen Vereine in Frankfurt die Ausbildung ihrer Imame regeln - die Verbände holen damit einen Prozeß nach, die sich bei ihren Mitgliedern und darüber hinaus schon längst vollzogen hat: Das Gewicht der Türken oder Türkischstämmigen, die hierzulande aufgewachsen sind oder geboren wurden und deshalb ein anderes Verhältnis zu Deutschland - und zur Türkei - haben als die Angehörigen der ersten Zuwanderer-Generation, ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Daher seien auch die Konflikte zwischen Angehörigen der zweiten und dritten Generation der türkischen Zuwanderer weniger scharf als jene zwischen der ersten und zweiten Generation, sagt Colak. Damals sei der Zusammenprall der türkischen und der deutschen Kultur noch viel stärker zu spüren gewesen. "Sich öffnen unter Bewahrung der Tradition" - so beschreibt Kurt die gegenwärtige Herausforderung.

          Die Standortbestimmung des einzelnen zwischen Deutschland und dem Herkunftsland (der Vorfahren) bleibt diffizil. Einerseits wachsen jüngere Türken heute selbstverständlicher in die deutsche Gesellschaft hinein als ihre Großeltern. Andererseits, so die Beobachtung von Integrationsdezernent Albrecht Magen (CDU), "ist die Integration schwieriger als vor 20 oder 30 Jahren, denn aufgrund der türkischen Fernsehprogramme und billiger Reisemöglichkeiten in die Türkei ist der Kontakt dorthin viel leichter geworden". Auch das Tragen von Kopftüchern von Frauen der jüngeren Generation sei "eine Erinnerung an die nationale Herkunft, ohne daß dies aggressiv sein muß". Betreiben etliche junge Türken einerseits ihre Einbürgerung, heiraten Untersuchungen zufolge türkische Männer der zweiten Generation vorwiegend Partnerinnen aus der Türkei, für die der Integrationsprozeß sehr mühsam ist.

          "Viele aus meiner Generation haben die deutsche Staatsbürgerschaft", sagt der 36 Jahre alte Colak. Er wollte Deutscher werden, "damit ich in der Gesellschaft mitbestimmen und meine Rechte wahren kann". 2002 haben sich nach der aktuellen städtischen Statistik 973 Türken einbürgern lassen, 556 von ihnen waren zwischen 18 und 45 Jahren alt. Insgesamt leben 32700 Türken in der Stadt; sie bilden die größte Gruppe der 170500 Ausländer in Frankfurt.

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