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Integration : Die Kinder der Inder

  • -Aktualisiert am

Farbenfroh: Indische Saris werden in einem Frankfurter Geschäft zum Kauf angeboten Bild: Wolfgang Eilmes

Die „zweite Generation“ studiert fast immer: Inder, die in Frankfurt und Umgebung leben, legen viel Wert auf Bildung. Wollen die Jugendlichen nicht Arzt oder Anwalt werden, müssen sie sich rechtfertigen.

          Als Indrani Roychoudhury fünf Jahre alt war, schor man ihr in einem Tempel in Kalkutta den Kopf kahl. Zurück im Kindergarten in Mörfelden-Walldorf, habe sie sich gefühlt wie ein "hässliches Entlein", erinnert sich die heute Fünfundzwanzigjährige. Aus ihren Locken war indisches Tempelhaar geworden: Kleinen Kindern, so glauben viele Hindus, wachse später ein besonders kräftiger Schopf, wenn man die ersten Haare abschneide.

          Lange habe sie die Glatze nicht gehabt, sagt Indrani. Die anderen Kinder hörten trotzdem nicht auf zu fragen: "Warum habt ihr so viele Götter? Warum dürft ihr keine Kühe essen? Ist der rote Punkt auf der Stirn wirklich aus Blut?" Indrani antwortete geduldig und sachkundig. Von ihren Eltern hatte sie früh gelernt, den Kontakt zur Kultur der Heimat zu halten - und gleichzeitig offen für die Menschen und Möglichkeiten in Deutschland zu sein.

          Theaterstücke und Tänze

          Dass Indrani Roychoudhury an diesem Abend gemeinsam mit acht anderen jungen Frauen und Männern an einem langen Tisch im Saalbau Gutleut in Frankfurt sitzt, hat auch mit der Erziehung zu tun, die ihre Eltern für richtig hielten. Die Mütter und Väter von Indrani und den übrigen Vierzehn- bis Zweiunddreißigjährigen kennen sich aus dem Bengalischen Kulturverein, einem Zusammenschluss von Indern, die in Frankfurt und Umgebung leben. Beim Treffen im Saalbau gibt es Burji, indische Süßigkeiten aus Kokosflocken und Milchpulver, Samosa, gefüllte Teigtaschen und frisch gebrühten Darjeeling. Die Eltern haben sich diskret in den Hintergrund zurückgezogen. In der Mitte des Raumes sitzen diejenigen, die heute zu Wort kommen sollen: "Die zweite Generation", sagt ein Vater stolz; ein anderer entschuldigt seinen Sohn, der auch kommen wollte, aber an diesem Tag nicht früh genug seinen Dienst als Arzt in einem Krankenhaus beenden konnte.

          In Indien so beliebt wie hierzulande Fußball: Cricket

          Fast 2.500 Inder leben in Frankfurt. Die jungen Leute, die erschienen sind, kennen sich seit ihrer Kindheit, auch wenn sie nicht alle in Frankfurt, sondern zum Teil auch in den Dörfern und Kleinstädten der Umgebung aufgewachsen sind. Auf den Festen der "Rhein Main Bengali Cultural Association", des Bengalischen Kulturvereins, musizieren sie seit Jahren gemeinsam, führen Theaterstücke und Tänze auf. Sie sind ausnahmslos in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Westbengalen, dem indischen Bundesstaat, dessen Hauptstadt Kalkutta ist.

          Bengalischer Kulturverein

          "Die bengalische Kultur ist sehr durch Kunst geprägt", sagt die 18 Jahre alte Anjali Ray. "Für bengalische Eltern ist es deshalb wichtig, ihre Kinder von klein auf in künstlerischer und musikalischer Hinsicht zu fördern." Anjali spielt Harmonium; andere Kinder der "zweiten Generation" lernen das Zupfinstrument Sitar oder spielen Geige. Auch auf Tanzunterricht wird großen Wert gelegt. Am Ende des Tisches sitzen die Schwestern Nita und Debi Mandal aus Groß-Gerau, 14 und 18 Jahre alt. Sie schafften es erst vor wenigen Wochen ins Finale der Pro-Sieben-Castingshow "Germany's Next Showstar". Auf der Bühne führten sie Bollywood-Tänze auf, die sie seit ihrer Kindheit während regelmäßiger Indien-Urlaube in einer Tanzschule gelernt haben.

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