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Bürgerprotest : Gegen neuen Stadtteil in Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Bürger protestieren gegen die Frankfurter Pläne, einen neuen Stadtteil zu bauen. Bild: Marcus Kaufhold

Hessen will in Frankfurt einen neuen Stadtteil für 30.000 Menschen bauen. Eine Initiative wendet sich dagegen. Sie wollen der Wohnungsnot in Frankfurt mit einer Strategie begegnen, die 2,5 Millionen neue Wohnungen ermöglichen könnte.

          Vier Aktenordner mit 16.800 Unterschriften, sechs Tütchen mit Samen für Bienenweiden und ein Strauß gelber Blumen: So freundlich und verbindlich der gestrige Auftritt der Initiative „Unser Heimatboden vor Frankfurt“ im hessischen Wirtschaftsministerium auch war, das Anliegen der Initiative hat es in sich. Die Mitglieder wollen verhindern, dass auf den Äckern zwischen Niederursel und Steinbach im Frankfurter Nordwesten ein großer, neuer Stadtteil entsteht. Etwa 15 Vertreter übergaben die Petition „Feld statt Beton“ an Staatssekretär Jens Deutschendorf (Die Grünen) und äußerten ihre Hoffnung, dass die Landesregierung andere Wege findet, die Wohnungsnot im Rhein-Main-Gebiet zu lösen.

          Der geplante Frankfurter Stadtteil auf beiden Seiten der A 5 soll bis zu 30.000 Menschen aufnehmen und wird vom zuständigen Planungsdezernent Mike Josef (SPD) vehement unterstützt. Sollten das Vorhaben Wirklichkeit werden, handelt es sich um eines der größten Bauprojekte im Rhein-Main-Gebiet. Aber soweit ist es noch lange nicht, denn das neue Viertel würde auf mehreren hundert Hektar unversiegelten Bodens entstehen – und das wollen viele Kritiker nicht hinnehmen.

          „Wir hoffen, dass der neue Landesentwicklungsplan konsequent umgesetzt wird, und wir fordern ein transparentes Verfahren“, sagte Uta Vetter, eine der Sprecherinnen der Initiative vor der Petitionsübergabe. Sie bezieht sich mit ihrer Forderung auf eine der Maßgaben des 2018 überarbeiteten Landesentwicklungsplans, demzufolge der tägliche Flächenverbrauch in Hessen auf 2,5 Hektar reduziert werden soll. Nach Auskunft eines Ministeriumssprechers beträgt er derzeit rund drei Hektar. Vor diesem Hintergrund, so die Hoffnung der Initiative, könne der neue Stadtteil eigentlich nicht genehmigt werden.

          Es besteht noch viel Klärungsbedarf

          Die Kritiker sehen ihre Position auch dadurch bestärkt, dass Frankfurt nicht alleine darüber entscheiden kann, ob das neue Viertel realisiert wird. Sowohl die Regionalversammlung Südhessen als auch der Regionalverband Rhein-Main und die Nachbarkommunen haben ein Mitspracherecht, wie Staatssekretär Deutschendorf während der Übergabe mitteilte. Seiner Auskunft nach befinden sich die Frankfurter Überlegungen in einem sehr frühen Planungsstadium. „Das Land sieht in vielen Punkten noch erheblichen Klärungsbedarf“, hob er hervor.

          Gleichwohl gestand Deutschendorf ein, dass Frankfurt aufgrund der Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung mehr Wohnraum schaffen müsse und entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten benötige. Ob die Verdichtung innerstädtischer Areale den Konflikt lösen könne, sei offen.

          Deutschendorf kündigte an, zunächst die Ergebnisse der vielen Untersuchungen abzuwarten, die noch ausstünden. Dabei gehe es um Lärmschutz, Artenschutz und allgemeine Infrastruktur. Der Staatssekretär erinnerte daran, dass Hochspannungsleitungen über das Areal führten und neue Häuser nicht näher als 400 Meter an die Trasse heranrücken dürften. Außerdem sei zu klären, ob und wie der neue Stadtteil verkehrlich erschlossen und wie das Trinkwasser geschützt werden könne. Nicht zuletzt sei für die notwendige Änderung des Flächennutzungsplanes auch eine Bürgerbeteiligung zu initiieren.

          Klimawandel aufhalten

          All diese Punkte sind nach Einschätzung der Initiative obsolet, wenn Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und sein Planungsdezernent auf eine vor kurzem veröffentlichte Studie der Technischen Universität Darmstadt reagierten. Laut Karl-Josef Rühl, Mitbegründer der Initiative, zeigt die Studie auf, dass in Deutschlands Innenstädten auf Discountern, Garagen und anderen Gebäuden mehr als 2,5 Millionen Wohnungen errichtet werden könnten.

          Alleine im Rhein-Main-Gebiet sind laut Rühl auf diese Weise rund 100.000 neue Wohnungen möglich. „In Frankfurt stehen derzeit etwa eine Million Quadratmeter Büroflächen leer, dort könnten auch Wohnungen entstehen“, sagte Rühl. „Wir sind nicht gegen neuen Wohnungsbau, wir sind aber gegen die weitere Versiegelung von Flächen.“

          Die Initiative forderte den Staatssekretär auf, sich dafür einzusetzen, das Leben auf dem Land wieder attraktiver zu machen. Laut Rühl stehen eine Million Wohnungen auf dem Land leer. Die Zerstörung von wertvoller Ackerfläche und Landschaftsschutzgebieten sei insbesondere vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels der falsche Weg.

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