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Städtische Bühnen : Gelassen, aber uneinig

  • -Aktualisiert am

Wo die Musik spielt: der Opernteil der Theaterdoppelanlage der Städtischen Bühnen Bild: Frank Röth

In der Sitzung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung ging es gestern Abend um die Zukunft der Städtischen Bühnen. Die Ansichten darüber gehen auseinander.

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          Die große Gelassenheit, mit der Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) an das Thema heranging, lobten mehrere Redner nach ihr: Gestern Abend ging es in der Plenarsitzung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung um die Sanierung der Städtischen Bühnen. Überhaupt zeigten sich viele zufrieden mit der bisherigen Diskussion in der Stadt, die doch ausgesprochen ruhig geführt werde. Dabei hatte Hartwig, nachdem sie ans Rednerpult getreten war, noch die Befürchtung geäußert, gleich würden sich alle aufregen. Dieser Fall trat allerdings nicht ein, auch wenn man sich angesichts mancher Einlassungen fragen musste, ob CDU, SPD und Grüne im Römer tatsächlich eine Koalition bilden. Die Standpunkte zumindest der beiden großen Parteien waren doch einigermaßen unterschiedlich. Und dass Thomas Dürbeck, der kulturpolitische Sprecher der christlichen Demokraten, Oberbürgermeister Peter Feldmanns (SPD) Wort von den „Infrastrukturphantastereien“ einen „blödsinnigen Kommentar zu einer komplexen Fragestellung“ nannte, zeugte ebenfalls von gewissen Verwerfungen innerhalb des Bündnisses.

          Die Kulturdezernentin resümierte zunächst den Stand der Dinge und verwies darauf, dass viele deutsche Städte derzeit in Schwierigkeiten steckten, weil die Gebäude aus den fünfziger und sechziger Jahren generalüberholt werden müssten. Teure Bühnensanierungen gebe es derzeit in Köln, Stuttgart und Berlin. Die am 6. Juni der Öffentlichkeit vorgestellte Machbarkeitsstudie über die bauliche Erneuerung der Städtischen Bühnen habe gezeigt, in welch marodem Zustand sich auch die Frankfurter Theater befinden. Dabei investiert die Stadt jedes Jahr ein bis zwei Millionen Euro, um etwa den Brandschutz oder die energetische Situation des Gebäudes zu verbessern. Nach gründlicher Prüfung habe man einsehen müssen, dass eine grundlegende Sanierung nötig sei: „Es handelt sich dabei nicht um eine Laune.“ In allen großen europäischen Städten stünden die Theater in der Mitte wie die Hauptbahnhöfe, und das müsse auch in Frankfurt so bleiben. „Das ist unsere Tradition.“ Dafür setzte es Beifall der Koalitionsfraktionen.

          Keine Denkverbote

          Die Transparenz des Gutachtens könne ein Modell für andere Städte sein, auch wenn die Zahl von etwa 900 Millionen Euro gewiss für alle zunächst erschreckend gewesen sei. Die Zahl sei so hoch, dass eine „sachliche Gegenprüfung“ unabdingbar sei. Die Stadträtin sprach sich abermals entschieden dafür aus, den Standort der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz beizubehalten: „Der Standort darf nicht der kommerziellen Verwertung preisgegeben werden.“ Sodann warnte sie davor, über die Köpfe der Theaterleiter und -mitarbeiter hinweg Planspiele anzustellen. Sie machte aber auch deutlich, dass sie einen Abriss und Neubau favorisiert. Den anderen beiden in der Machbarkeitsstudie aufgezeigten Varianten, die eine Sanierung des bestehenden Gebäudes bei laufendem Betrieb vorsehen, erteilte sie wegen der langen Bauzeit und des damit verbundenen „Lärms und Drecks“ eine Absage.

          Thomas Dürbeck dankte der Kulturdezernentin für ihren „sachlichen Ton“ und versicherte, innerhalb der CDU hege niemand einen Zweifel daran, dass Schauspiel und Oper auf höchstem Niveau erhalten werden müssten. „Aber es darf keine Denkverbote geben. Es ist schon ein bisschen ärgerlich, wie sich manche auf den Willy-Brandt-Platz festlegen.“ Große Bedenken äußerte er, ob bei einer Interimslösung die Qualität an den Theatern zu halten sei. Ob die Künstler ein Provisorium mitmachten, ob sich Intendanten finden ließen, die bereit seien, ein Theater in einer solchen Situation zu leiten. Sebastian Popp, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, sprach sich dafür aus, eine rasche Entscheidung für den Willy-Brandt-Platz als Standort zu treffen. Danach erst müsse über das Raumprogramm geredet werden. Wer der Auffassung sei, ein Neubau der Städtischen Bühnen an anderer Stelle sei sinnvoll, solle doch sagen, wo diese sein soll. „Und warum soll es günstiger sein, zwei Häuser zu bauen?“

          „Die Übereinstimmung ist noch nicht allzu groß“

          Das erschließe sich ihm nicht. Baudezernent Jan Schneider (CDU) sagte, es sei seit längerem bekannt, dass er und Kulturdezernentin Hartwig unterschiedliche Auffassungen hätten, was die Standortsuche angehe. „Wir müssen uns die Freiheit nehmen, verschiedene Dinge seriös abzuwägen“, sagte der Stadtrat, „Wir wären schlecht beraten, nicht über Alternativen zum Willy-Brandt-Platz nachzudenken und uns stattdessen Scheuklappen anzulegen.“ Es gehe nicht darum, ein Grundstück dem Kommerz zu opfern, sondern Kosten zu begrenzen. „Wir brauchen eine Lösung, die wir auch stemmen und bewältigen können.“ Zudem müsse darüber nachgedacht werden, ob der von den Theatern angemeldete Raumbedarf nicht verringert werden könne.

          Renate Wolter-Brandecker, die kulturpolitische Sprecherin der SPD, erkannte: „Die Übereinstimmung ist noch nicht allzu groß.“ Man werde noch viel diskutieren müssen. Den Baudezernenten nannte sie einen „Bedenkenträger“, der sich in den vergangenen Monaten doch schon einmal hätte überlegen können, welche Standorte für Oper und Schauspiel in Frage kämen. Sie erinnerte an die Lage im Jahr 1958, wo es um den geplanten Bau der Theaterdoppelanlage ging. Damals hätten sich SPD und FDP dafür ausgesprochen, während die CDU den Bau abgelehnt habe. „Aber das wird ja jetzt anders“, sagte die Stadtverordnete mit leicht ironischem Unterton. Sie warnte davor, Kultur und Soziales oder Hochkultur und die freie Szene gegeneinander auszuspielen: „Das ist schädlich.“

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