https://www.faz.net/-gzg-8l974

Fahrradfahrer in Frankfurt : Angst um das eigene Leben

Dicht an dicht: Pulks von Radfahrern im morgendlichen Berufsverkehr am Eschenheimer Turm in Frankfurt. Bild: Silber, Stefanie

Immer mehr Frankfurter fahren mit dem Rad. Manchem wird das schon zu viel.

          3 Min.

          Wer täglich in Frankfurt mit dem Rad unterwegs ist, der wundert sich, dass es unter den Radfahren nicht regelmäßig zu Handgreiflichkeiten kommt. So dicht an dicht fahren sie mittlerweile zu Stoßzeiten durch die Stadt. „Man muss um sein Leben fürchten“, sagt eine sportliche junge Radlerin, die alle Wege auf dem Sattel zurücklegt und den stetigen Anstieg der Radverkehrs insbesondere in der Innenstadt seit Jahren beobachtet. Die Rücksichtslosen, aber auch die Träumer seien es, die sie jeden Morgen wütend machten. Sie wundere sich, „dass nicht viel mehr von uns schon tot sind“.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurts neuer Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) weiß, wovon die Rede ist, auch wenn er seine tägliche Fahrt zur Arbeit nicht per Rad zurücklegt. „Die fahren zum Teil mit Karacho kreuz und quer durch Gruppen, so dass man es mit der Angst zu tun bekommt“, sagt er. Kürzlich sei er fast umgefahren worden. Der Radler habe nicht einmal eine Klingel gehabt. Andere beobachten, dass sich Radler gegenseitig auf viel befahrenen Straßen rechts überholen, auf Bürgersteige ausweichen, um sich bei nächster Gelegenheit ohne Blick zurück wieder unter den auf der Straße verbliebenen Pulk von Radfahrern zu mischen, permanent das Rot der Ampeln ignorierend.

          „Am weiteren Ausbau des Radwegenetzes führt nichts vorbei.“

          Diesen „Rowdys“ will der bekennende Radfahrer Oesterling - „ich radele, seit ich Schüler war, derzeit auf einem weißen Tourenfahrrad“ - beikommen. Er kündigt dazu stärkere Kontrollen an. Die Räder müssten mit Licht und Klingeln ausgestattet sein, Verkehrsregeln seien einzuhalten, um nicht andere zu gefährden.

          Oesterling will noch mehr tun, denn vom Trend zum Radfahren in den Großstädten ist er überzeugt. „Das Radfahren wird immer wichtiger“, sagt der Sozialdemokrat. Das führe nicht nur zu Konflikten unter den Radfahrern, es entstehe auch ein großer Bedarf an Flächen für Radwege und Stellplätze. Diese Flächen müssten in aller Regel dem Autoverkehr weggenommen werden. Für Oesterling steht dennoch fest: „Am weiteren Ausbau des Radwegenetzes führt nichts vorbei.“ Die dadurch zwangsläufig entstehenden Konflikte mit den Autofahrern, „die muss man aushalten“.

          Auch Radfahrer müssen dazulernen

          Wie viele es sind, die täglich in die Pedalen treten, ist nicht genau zu benennen. Bisher hieß es, in Frankfurt würden 15 Prozent der Wege mit dem Rad zurückgelegt. Oesterling will wissen, wie hoch der Anteil an der Gesamtverkehrsleistung ist, also wie viele Kilometer tatsächlich geradelt werden oder ob man für die kurzen Wege das Rad, aber für alle weiteren Entfernungen das Auto oder den öffentlichen Nahverkehr nutzt. Eine neue Untersuchung soll es klären.

          Unabhängig davon steht für Oesterling fest, dass der Radverkehr in Frankfurt insbesondere in der Innenstadt und den benachbarten Gründerzeitvierteln extrem zugenommen hat und das auch weiter tun wird. Seinen Beitrag für ein geordnetes Radeln will Oesterling damit leisten, dass er bis zum Ende seiner Amtszeit in sechs Jahren eine „flächendeckende Beschilderung für Radfahrer“ zusagt. Aber auch die Radfahrer müssten dazulernen und sich ein „gewisses Maß an Disziplin angewöhnen“. Oesterling hat die Niederlande vor Augen, wo sich seiner Ansicht nach die Radler eher als Gruppe verstünden, während in Deutschland die Individuen gegeneinander kämpften.

          „Es kann nicht jeder machen, was er will.“

          Bertram Giebeler vom ADFC Frankfurt versteht die Aufregung um das Gedränge beim Radeln nicht. „Sollen doch einige flott bis ruppig fahren, vielleicht auch mal jemanden schneiden“, das sei alles besser, als wenn ein Radfahrer allein auf weiter Flur sei, „umzingelt von Blech.“ Es gebe nicht zu viele Radfahrer. „Im Gegenteil“, sagt er, ginge es nach ihm und dem ADFC, könnten ruhig doppelt so viele Radler in Frankfurt unterwegs sein. Desto mehr Platz könnten die Radfahrer beanspruchen. Giebeler beschreibt die Situation derzeit als „wuselig“, gefährlich stuft er sie nicht ein und rät Radlern, mit einer „gewissen Gelassenheit“ unterwegs zu sein.

          Von der ist die sportliche Radlerin durch ihre täglichen Erfahrungen im Berufsverkehr weit entfernt. „Wenn wir jetzt so viele sind, kann nicht jeder machen, was er will“, sagt sie. Auch sie ist wie Oesterling für stärkere Kontrollen und eine Helmpflicht, aber vor allem glaubt sie, dass Radler sich „langsam selbst disziplinieren müssen“. Die Vorstellung, man sei eine Minderheit, ein Einzelner, der den Automassen trotzen müsse, gehöre der Vergangenheit an. Zum Glück.

          Weitere Themen

          Falschfahrer fährt in eine Gruppe Jugendlicher Video-Seite öffnen

          Tödlicher Unfall : Falschfahrer fährt in eine Gruppe Jugendlicher

          Bei einem schweren Autounfall in München ist ein Vierzehnjähriger getötet worden. Ein BMW-Fahrer hatte mehrere rote Ampeln überfahren und war dann in eine Gruppe Jugendlicher gerast, die gerade die Straße überqueren wollten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.