https://www.faz.net/-gzg-ahtk0

Flasche an der Kirchturmspitze : Schnaps aus der Vergangenheit und ein neues Rätsel

Flaschenpost: In die neue Zeitkapsel kommen das Fläschchen von 1880 und eines aus dem Jahr 2021. Bild: Einrico Sauda

Das Geheimnis um das Fläschchen aus der Frankfurter Dreikönigskirche ist gelüftet: Offenbar handelt es sich um einen Gruß, den Handwerker vor 141 Jahren verschickt haben. Aber das ist noch nicht alles.

          3 Min.

          Am 31. Oktober 1880 war es vollbracht. An jenem Tag beendeten die Schlosser ihre Arbeit an der eisernen Spitze der Dreikönigskirche. So steht es in Schreibschrift auf dem Pergament, das mehr als 140 Jahre in einer Metallkassette in der Turmspitze überdauert hat. Unterschrieben haben der Monteur Johannes Klumb und fünf weitere Schlosser mit Geburtsdatum und Geburtsort. „Außerdem waren betheiligt Zimmermann Friedrich aus Oberrad, Tagelöhner Jungmann aus Merfelden u Jakob Schmaus von hier.“

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Die Handwerker waren zurecht stolz auf ihr Werk. Auf der Rückseite des Pergaments teilen sie mit, dass sie auch am Bau der Markthalle beteiligt waren, also am Vorgängerbau der heutigen Kleinmarkthalle. Die verglaste Eisenkonstruktion im Stil der Neorenaissance war kurz vor der Dreikönigskirche fertiggestellt worden. Verantwortlich für beide Bauten – wie übrigens auch für den Eisernen Steg – war das Frankfurter Familienunternehmen Fries und Sohn. Als die Dreikönigskirche nach Plänen von Franz Josef Denzinger an der Stelle des maroden Vorgängerbaus neu errichtet wurde, waren Fries und Sohn im Begriff, sich zu einem weltweit tätigen Maschinenbauer zu entwickeln.

          3,3 Millionen für den Turm

          Aber selbst die beste Wertarbeit hält nicht ewig. Und so muss auch die Dreikönigskirche erneuert werden. Fassaden und Dach wurden schon saniert, seit 2020 laufen die Arbeiten am 81 Meter hohen Turm. Verantwortlich dafür ist die Stadt, denn die Kirche gehört zu den acht sogenannten Dotationskirchen, wie Kämmerer und Kirchendezernent Bastian Bergerhoff (Die Grünen) sagt. Seit 1830 ist die Stadt für den Erhalt dieser Gotteshäuser zuständig. Eine besondere Stellung nimmt dabei die Dreikönigskirche ein: Der „evangelischen Dom“, der am Sachsenhäuser Ufer vis-à-vis dem katholischen Kaiserdom liegt, ist die einzige Dotationskirche südlich des Mains. Nach Angaben Bergerhoffs investiert die Stadt 3,3 Millionen Euro in die Instandsetzung des Turms. 2023 sollen die Arbeiten beendet sein.

          Als im Juni dieses Jahres das Turmkreuz abmontiert wurde, stießen die Arbeiter auf zwei sogenannte Zeitkapseln aus der Bauzeit der Kirche. Darin enthalten waren Münzen und Dokumente, unter anderem Listen der Magistratsmitglieder und Stadtverordneten. „So ganz uneitel war die Stadtpolitik auch damals nicht“, sagt Bergerhoff. Rätsel gab hingegen ein Fläschchen mit trübem Inhalt auf, das sich in einer der Metallkassetten befand. Die Untersuchung mittels Massenspektrometers ergab, dass die Flüssigkeit Zucker und Ethanol, also Alkohol enthält, was sogleich zu Spekulationen führte, es könne sich um eine historische Probe des Sachsenhäuser Nationalgetränks Apfelwein halten.

          „Nordhäuser auf unsres wohl“

          Inzwischen ist das Geheimnis wahrscheinlich gelüftet. Wie die Bauforscherin Ulrike Schubert, die im Auftrag der Stadt die Sanierung dokumentiert, vermutet, handelt es bei dem Flakon nicht um eine offizielle Beigabe der städtischen Bauherren, sondern um eine eingeschmuggelte Botschaft der Handwerker, von denen auch das Pergament stammt. Auf dem ist nämlich als Abschiedswort folgendes zu lesen: „Sollten nach reihen von Jahren, unser Namen gelesen werden, so trinke man auch einen Schluck Nordhäuser auf unsres wohl, und sollten auch unsere Körper schon unter der Erde ligen.“

          Nordhäuser – das dürfte der schon seit Anfang des 16. Jahrhunderts bekannte Schnaps aus dem thüringischen Nordhausen sein. Gut möglich, dass die Frankfurter Handwerker ihn zu schätzen wussten und der Nachwelt einen Schluck zum Andenken überlassen wollten. Dafür spricht auch, dass der Flakon von einer Seifenfabrik stammt, die ihren Sitz in der Nähe der Dreikönigskirche hatte. Aber warum ist die Flüssigkeit gelblich trüb und nicht klar? Bauforscherin Schubert wandte sich an die Fachleute des Museums der Nordhäuser Brennerei. Die erklärten, dass der Nordhäuser Korn um 1880 in Holzfässern aufbewahrt wurde, die entsprechende Farbstoffe abgegeben hätten.

          Mit Vertretern der Gemeinde packte Bergerhoff die Funde inklusive Fläschchen nun wieder in eine Zeitkapsel, die am Donnerstag bei der Montage des restaurierten Turmkreuzes deponiert wird. Ergänzt wird der Inhalt unter anderem um Fotos der jüngsten Arbeiten, eine Anstecknadel mit Stadtwappen, den Gemeindebrief, einen Satz Münzen und andere Dokumente, darunter Artikel der Rhein-Main-Zeitung, die sich mit der Sanierung der Dreikönigskirche befassen. Der spannendste Gruß an die Nachwelt dürfte aber ein zweites Fläschchen sein, das in die Zeitkapsel kommt. Über den Inhalt will Bergerhoff nur so viel sagen, dass es sich um ein Getränk handelt. Schließlich sollen auch künftige Generationen etwas zu rätseln haben. So viel sei verraten: Die Flüssigkeit ist völlig farblos – um Apfelwein handelt es sich auch diesmal nicht.

          Weitere Themen

          Inzidenz steigt über 1000

          Frankfurt : Inzidenz steigt über 1000

          Die Omikron-Variante treibt die Zahl der Infektionen in Frankfurt in die Höhe. Nur in drei Städten in Deutschland liegt die Inzidenz noch darüber. Das Ansteckungsrisiko steigt, aber die Chance auf einen PCR-Test könnte bald sinken.

          Topmeldungen

          War am Montag auf dem virtuellen Weltwirtschaftsforum zu Gast: Chinas Staatschef Xi Jinping

          Chinas Konjunktur : Die Grenzen der Planwirtschaft

          Staatskonzerne müssen sich nicht darum kümmern, ob sich die vielen Brücken ins Nirgendwo rechnen. Der Versuch Pekings, mit mehr Planwirtschaft das Land voranzubringen, stößt an Grenzen. Was wird aus China?